The Notwist – Messier Objects (Alien Transistor)

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Es gibt Bands, die müssen bloß irgendwas machen, und sei es ein Album, schon geraten Fans in Ekstase. Sie kaufen blindlings, jubeln lauthals und tun exakt dasselbe, wenn sich alles Jahre später wiederholt. The Notwist ist so eine Band. Seit sie mit Neon Golden das Mashup-Genre Indietronic prägten, sprengen die Gebrüder Acher diverse Regeln der Harmonielehre und machen aus diffusen Tonkaskaden feste Strukturen, die klingen wie Lieder. Auch das fünfte Album seit dem Wandel der Rocker zu Fricklern schafft diesen Transfer. Fast. Denn Messier Objects, logischerweise mit 1 bis 16 betitelt, strapaziert unser Abstraktionsvermögen mit zerklüfteten Klanghaufen, bis Das Spiel ist aus endlich The Notwists Kernkompetenz zeigt: digitale Flächen so mit analogem Instrumentarium zu vermischen, dass nicht nur wahre Fans niederknien. Auch die Objekte 1-16 sind beachtlich, verblüffend und liedhaft, aber doch eher strukturarmes Gespiel. Kein Wunder – entstammen sie doch überwiegend aus Theatervertonungen.

 

Kante – In der Zuckerfabrik (Hook Music)

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In diesen Kontext gehört auch das neue Album von Kante. Wer die zutiefst theatralische Band aus Hamburg in den 20 Jahren ihres Bestehens vorurteilsfrei gehört hat, hätte in den lyrisch verspielten Arrangements zwischen Postrock und Deutschpop wohl schon zu Hamburger Schulzeiten Soundtracks vermutet. Und wie zum Beweis des wahren Kerns dieser These, kompiliert das neue Album In der Zuckerfabrik nun tatsächlich Beiträge, mit denen das Quintett um Peter Thiessen Stücke von Dostojewski bis Brecht zwischen Wien und Berlin begleitet hat. Es sind sperrige Lieder allesamt, kontextgebunden und singulär: mal ein Raunen wie Arioso der Shen Te, dann Gitarrenpeitschen wie Keine Wegspur, nichts zu sehen, ringsum Kammermusik, Freejazz, Songwriting, Pathospunk, Versmaß – ein Panoptikum wie das Theater selbst. Und nichts für nebenbei.

 

Pollyester – City Of O. (Disko B)

© Disko B

Das zweite Album des Münchner Plastikpopduos Pollyester kann man ebenfalls unmöglich mit einem Ohr hören. Für Fahrstühle oder Leseabende ist City Of O. völlig ungeeignet. Die singende Bassistin Polina Lapkovskaja verarbeitet an der Seite ihres Schlagzeugers Manuel da Coll und Beni Brachtel, zuständig fürs Elektronische, aberwitzig konfuse Beats zu einer Art Trashdance, als wäre die Disco absurdes Theater. Irgendwo zwischen Las Ketchup und Kraftwerk, Chicks on Speed und Daft Punk blasen Pollyester einen funky slappenden Achtziger-Wavepop aus den Boxen, dass sich alle Gehirnzellen flugs in die Beine verkrümeln und dort gehörig austoben. Kultivierte Geister dürften da vor Schreck laut schreien. Niveauliebende Partypeople wohl eher vor Glück.

 

Hanni El Khatib – Moonlight (Innovative Leisure)

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Eher umgekehrt dürfte es sich da bei Hanni El Khatib verhalten. Doch Klischeesucher aufgepasst: Das ist weder ein tunesischer Violinist noch arabesker Ethnopop, sondern ein singender Skateboarder aus San Francisco mit philippinischen Wurzeln, der das Gegenteil von Klassik oder Weltmusik liefert und doch den Mainstream bedient. Mit ein paar zotteligen Beardos macht er zwar Rock im Stile der Siebziger, als sich jungen Muckern ohne Hang zur Glitzerhose kaum Alternativen boten. Obwohl wir das Jahr 2015 schreiben, ist jedoch auch sein drittes Album Moonlight nicht aus der Zeit gefallen. Was der schöne Frontmann selbst "Messerkampf-Musik" nennt, scheint nämlich eine anschlussfähige Garagenversion früherer Gitarrenverbände zu sein, die den Psychobeat der Stooges mit dem Desertrock von Tito & Tarantula im zeitgenössischen Alternative vereint und mit weinerlichem Gesang die Männlichkeit austreibt.

 

Menace Beach – Ratworld (Memphis Industries)

© Memphis Industries

Und damit zurück in den Club, ohne die Rockröhre draußen zu lassen. Menace Beach aus Leeds nämlich mögen sich dem Anspruch des Tanzflurs zwischen Surfpunk und Garagenbeat grundlegend widersetzen – was das Quintett aus der arbeitslosen Ex-Arbeiterstadt auf seinem Debütalbum hinlegt, entfaltet eine spielfreudige Intensität, die kaum einen Muskel unberührt lässt. Die singenden Songwriter Ryan Needham und Liza Violet samt Hipsterbegleitung pusten eine raubeinige Fröhlichkeit aus den Boxen, als gäbe es zwischen der Wut über die Verhältnisse doch ein bisschen Anlass zum Lächeln, droben im britischen Armutsgürtel. Zu verschrobenen Synthiefetzen tanzen die Fuzz-Gitarren so aufgekratzt und heiter durchs psychedelisch angehauchte Sixties-Ambiente ihrer zwölf Songs, dass der Winter einpacken kann. Strandparty mit Dosenbier im Schneeregen – der Frühling kann kommen.