© Rough Trade

Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit (Marathon Artists/ Kobalt/ RTD)

Man könnte Courtney Barnett jetzt ein bisschen Angst machen. Man könnte sie an Kate Nash erinnern. Wer sich nicht mehr an Kate Nash erinnern kann: Sie war im Jahr 2007 die frische, unverbrauchte, hoffnungsvolle, schnoddrige Stimme, die ein neues weibliches Selbstbewusstsein und die Schmerzen des Erwachsenwerdens in einen flott gereimten und schmissig hingerotzten Reimstrom goss. Die Britin war damals also so ziemlich genau das, was die Australierin Courtney Barnett heute ist.

In den Songs von Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit, Barnetts Albumdebüt, herrscht Alltag, mal bunter, öfter noch katastrophal grauer Alltag. Es ist eben auch mal Freitagmorgen, die Espressomaschine köchelt auf dem Herd, Menschen haben durchschnittlichen Sex, kaufen Bio-Lebensmittel ein und wohnen in Vororten, die nicht notgedrungen die Hölle sein müssen, aber durchaus sein können. Es sind unaufgeregte Lieder über die kleinen und deshalb gerade so wichtigen Dinge im Leben. Über diese Dinge singt momentan niemand so gewitzt und trotzdem ernsthaft, so komplex und trotzdem eingängig wie Barnett. Weshalb nicht nur die Kollegin Sophie Hunger ein großer Fan geworden ist.

Kate Nash übrigens erlitt einen Zusammenbruch nach ihrem großen Erfolg, wurde krank und tauchte in einer irgendwie unecht wirkenden, punkigen Version ihrer selbst wieder auf, die dann kaum noch jemanden interessierte. Trotzdem muss Courtney Barnett vielleicht doch keine Angst haben: Während es bei Nash einst um die Wandlung vom Teenager zum jungen Erwachsenen ging, ist Barnett da schon etwas weiter. Die Kleinmädchen-Attitüde, die den Reiz ihrer Vorgängerin ausmachte, hat sie längst abgelegt, und die Punk-Ästhetik, mit deren Hilfe Nash sich in die Bedeutungslosigkeit verabschiedete, zieht sich dank knochentrockener Velvet-Underground-Gitarren bereits ganz selbstverständlich durch Sometimes I Sit, das aber ansonsten von einem wundervoll abgeklärten Americana-Sound beherrscht wird, durch den knorrige Cowboys zu stapfen scheinen. Große Platte und eben – noch ein Unterschied zu Nash – nicht bloß ein großes Versprechen.


 

© BMG Rights

Jonathan Jeremiah – Oh Desire (BMG Rights/ Rough Trade)

Jonathan Jeremiah hat einen Bart, zottelige Haare und den Blick eines Wahnsinnigen. Vor allem aber hat er eine Stimme, die nur im ersten Moment seinem äußeren Erscheinungsbild entspricht. Der Brite sieht nicht nur aus wie ein Holzfäller, er sägt und hobelt und raspelt – egal, wovon er tatsächlich singt – auch wie einer. Aber zugleich besitzt diese Stimme doch einen unglaublichen, butterigen Schmelz. Dank dieser Diskrepanz brummelt Jeremiah noch jeden der eher unaufregenden Songs seines dritten Albums Oh Desire zum emotionalen Ereignis. Als wäre Nat King Cole unter die Trapper gegangen.


 

© Staatsakt

Erfolg – Erfolg (Staasakt/ RTD)

Ja, Johannes von Weizsäcker ist Großneffe des allseits beliebten und kürzlich verstorbenen Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. So, das hätten wir. Außerdem ist von Weizsäcker auch noch Mitglied der experimentellen Londoner Pop-Band The Chap und neuerdings Vorsteher eines konzeptionellen Projektes namens Erfolg. Mit dem entwirft der Wahlberliner und Gelegenheitspopjournalist (für Spex u.a.) ein bisweilen parodistisches, immer aber ungemein erhellendes Zerrbild der eigenen Lebenswirklichkeit zwischen Klamauk ("Wir haben Erfolg und unsere Seele ist wie Passau") und intellektuellem Größenwahn ("Das fragmentierte Subjekt stellt sich physisch dar als vielfacher Huldiger vor dem Szenealtar"). Das Porträt, das er mit Dada-Texten, spartanischen Elektroklängen und einem verführerischen Damenchor malt, zeigt eine kreative Boheme im nicht zu lösenden Konflikt zwischen den eigenen Idealen und den kommerziellen Anforderungen. Und jetzt alle zusammen: "Wir sind Desaster."


 

© Bekassine Records

This Love Is Deadly – Want (Bekassine Records)

Als This Love Is Deadly vor knapp drei Jahren ihr Debüt herausbrachten, war das ein beeindruckend brachiales Gitarrenrock-Album, das allerbeste Erinnerungen an My Bloody Valentine oder Dinosaur Jr. heraufbeschwor, aber halt auch keinen originär eigenen Zugang anzubieten hatte. Diesem Makel begegnet das Berliner Trio nun mit dem Nachfolger. Auf Want verschmelzen This Love Is Deadly die Gitarren mit weihevollen Orgel-Exkursionen oder elektronischen Ausflügen in den Club, sie kontrastieren die schiere Gewalt mit seligen Popharmonien aus den Sixties und seltsamem New-Age-Geflimmer. Das Ergebnis wandelt weitgehend unberührt zwischen den Welten. Ein Hybrid, wie man ihn in solch entschlossener Unentschlossenheit wohl noch nie gehört hat. Nicht immer ganz leicht konsumierbar, aber dank seiner nicht unerheblichen Ungereimtheiten spannender als vieles, was sonst zu hören ist.