"Ich bin ein kleiner Sänger. Ich geb meine Wahl ab." Diese zwei Sätze von Andreas Kümmert haben den ESC-Vorentscheid zu einem Politikum gemacht. Oder sollte man vielleicht eher sagen: zu einem Publitikum? Denn aus der hannoverschen Schlagerhalle schlugen dem bärtigen Sänger vor allem Unverständnis und blanke Wut entgegen.

"Nein danke" zu sagen, ist im Showbusiness undenkbar. In diesem Metier wird gebeten und gebettelt. "Gebt mir bitte noch eine Chance", "Ich werde alles dafür tun, dem Anspruch gerecht zu werden", "Es ist eine große Herausforderung und ich werde sie meistern". Das sind die Stanzen, die das Publikum hören will. Und der Kandidat soll sie abliefern.

Wir sind schon so sehr im Casting-Drehbuch gefangen, dass es uns gar nicht in den Sinn kommt, dass jemand daraus ausscheren könnte. Es passiert ja auch selten genug. Ein-, zweimal flüchtete eine Topmodel-Kandidatin aus Heidi Klums Zickenknast. Das wurde medial meist von Kopfschütteln oder einer verlogenen Mitleidswelle begleitet. Dabei weiß längst jeder – Kandidat wie Zuschauer –, dass am Ende einer Castingshow fast nie Ruhm und Karriere, sondern nur der kurze Hype steht. Und danach das Vergessen. Dschungelcamp bestenfalls.

Andreas Kümmert hat das Ausscheren eine Stufe höher betrieben. Denn er ist ja gewählt worden. Insofern zeigt dieser ESC-Abend nicht nur eine Umkehr in der Unterhaltungskultur, sondern auch ein seltsames deutsches Demokratieverständnis. In einem Land, in dem fast als ein Drittel der Menschen ihren Bundestag nicht wählt und sich nicht mal die Hälfte für die Europawahl interessiert, gibt es Riesenalarm, wenn der per Zuhörer- und Zuschauervoting bestimmte Singvogel plötzlich den Käfig verlässt. Als ob ein Mensch, sobald er von einer Anzahl x zu etwas bestimmt worden ist, zum nationalen Eigentum mutiert und keinen freien Willen mehr haben darf.

Hätte es sich um politischen Wahlbetrug gehandelt – der Protest wäre nicht halb so laut gewesen. Doch für viele wird die nationale Potenz längst nur noch auf der Grundlage von Ereignissen wie einer Fußball-WM oder einem europäischen Singspektakel behauptet.

Aus den Buhrufen der hannoverschen Stadthalle spricht die persönliche Kränkung. Niemand hört gerne, dass es einem Menschen völlig egal ist, ob man ihn liked. Daraus spricht aber auch der irrationale Zorn, dass hier "Volkes Wille" nicht befolgt wird. Die freie Wahl des Publikums zählt alles, der Sieger soll aber nicht frei entscheiden dürfen?

Wem gehört Andreas Kümmert? Niemand anderem als sich selbst. Wir sollten ihm dankbar sein, dass er die Menschenverheizungsmaschine Showbusiness für einen Abend kurz angehalten hat. Und wer den ESC gewinnen wird, weiß im nächsten Jahr ohnehin keiner mehr.