© Caroline

Sophie Hunger – Supermoon (Caroline/Universal)

Der größte Popstar der Schweiz. Das klingt immer ein wenig wie ein Witz. So wie: die größte Kuckucksuhr der Welt. Oder: die längste Spielzeugeisenbahn im H-Null-Format. Irgendwie skurril und ein wenig beschränkt. Damit tut man Sophie Hunger natürlich unrecht. Denn die kann das: Popstar. Vor allem aber kann sie zeitgleich: den Hochglanz-Popstar, den Indie-Popstar und notfalls auch den Jazz-Popstar. 

Das wirklich Seltsame ist aber: Sie kann das andere, das Lokale, das Provinzielle, erst recht. Hunger sprang schon immer so souverän zwischen den Sprachen und Stilen wie keine andere Musikerin. Sie sang Englisch, Französisch, Deutsch und Schwyzerdütsch, spielte Pop und Soul, Rock und Folk, aber so breit wie auf Supermoon war das Spektrum wohl noch nie. In Mad Miles reist sie durch Kalifornien und die dort ansässige Americana, in Superman Woman gibt sie zu schneidigen Bläsern den James Brown. Mit der Ballade Die ganze Welt macht sie Tim Bendzko und all den anderen jungen Milden Konkurrenz, mit La Chanson d'Helene verbeugt sie sich vor Edith Piaf. Das ist international kompatibel und niemals beliebig, komplex arrangiert und doch immer eingängig, bereit für die raumgreifende Melodie und offen für die kleine Geste.

Aber am berührendsten ist dann ausgerechnet Heicho: In ihrer Muttersprache lässt Hunger, die seit ein paar Monaten in Berlin lebt, ihre Protagonistin erzählen, wie sie zum Sterben nach Hause zurückkehrt. Da wird aus dem größten Popstar der Schweiz wieder ein kleines Mädchen. Die Frau kann wirklich alles.

Videopremiere - "Love is not the answer" von Sophie Hunger exklusiv Bald erscheint das neue Album "Supermoon" von Sophie Hunger. Ihr Musikvideo "Love is not the answer" feiert hier vorab seine exklusive Deutschlandpremiere.

 

 


© Polydor

Ann Sophie – Silver Into Gold (Polydor/Universal)

Der größte Popstar Deutschlands. Das ist Ann Sophie zumindest noch so lange, bis sie am 23. Mai in Wien den zwölften Platz belegen wird. Oder den siebten, wenn's gut läuft beim Eurovision Song Contest. Danach wird die 24-Jährige Hamburgerin vermutlich wieder in der Versenkung verschwinden, aber bis es soweit ist, muss das Kalb noch gemolken werden. Das Album Silver Into Gold erscheint nun, da der Hype noch köchelt, und beginnt folgerichtig mit Black Smoke und Jump The Gun. Genau den beiden Songs, mit denen Ann Sophie beim deutschen Vorausscheid den zweiten Platz belegte, bevor der Sieger Andreas Kümmert skandalträchtig seinen Rückzug verkündete – mit dem Hinweis, dass er Ann Sophie für besser geeignet halte als sich selbst, Deutschland in Wien zu vertreten. Damit hat er wohl recht, repräsentiert Ann Sophie doch so etwas wie den popmusikalischen Mittelstand.

Solide und ziemlich unaufgeregt liefert sie exakt das, was Plattenfirmenbossen einfällt, wenn sie verträumt die Verkaufszahlen von Adele betrachten. Auf Albumlänge trägt der brave Soulpop zwar nur bedingt, aber Black Smoke und Jump The Gun sind zwei flott hüpfende, mit ansteckenden Melodien versehene und nach internationalen Standards produzierte Songs, die mit einem Hauch befremdlicher Kate-Bush-Haftigkeit vorsichtig aus dem Mittelmaß herausragen. Ansonsten aber bietet Silver Into Gold im besten Fall nur mehr vom Gleichen, bloß etwas weniger ansteckend, ergänzt um verschnarchte Pianoballaden und ziellose Vokalkaskaden. 

So gewinnt man zwar nicht in Wien, schon weil Ann Sophie dazu ein überraschendes Alleinstellungsmerkmal wie Lenas mit lausbubenhafter Selbstverständlichkeit vorgetragenes Pseudo-Britisch oder der Bart von Conchita Wurst fehlt. Aber man blamiert sich auch nicht unnötig.

 


© Four Music

Balbina – Über das Grübeln (Four Music/Sony)

Noch ist Balbina lange kein Popstar, aber sie kommt schon wie einer daher. Mit langem schwarzem Haar, strengem Pony und ernstem Blick trägt sie ausladende Designer-Kleider. In sorgsam ausgeleuchteten Fotos inszeniert sie sich als Femme Fatale, die nordische Kühle mit südländischer Leidenschaft versöhnt. Die als Balbina Monika Jagielska in Warschau geborene 31-Jährige ist in Berlin aufgewachsen, wurde in der hauptstädtischen Hip-Hop-Szene musikalisch sozialisiert und arbeitete bislang vor allem als Background-Sängerin für Rap-Produktionen. Diese Wurzeln sind auf ihrem Albumdebüt Über das Grübeln allerdings nur beim Gastauftritt des Rappers Justus Jonas in Hut ab! zu hören. 

Ansonsten scheitert Balbina an dem Versuch, einen deutschen Chanson zu etablieren. Nicht, dass es nicht eine interessante Idee wäre, das leichtfertige Pathos des französisches Originals durch eine fahle, trotzdem schwer drückende Ernsthaftigkeit zu ersetzen. Aber das Experiment misslingt, weil manche Metapher allzu ausgelutscht ist, weil zu viele Reime holpern und die Texte letztlich zu belanglos sind, um die gelungene melancholische Getragenheit der Musik nicht zu konterkarieren. Das kann besser werden. Wenn es besser wird, dann wird Balbina womöglich wirklich ein Popstar.

 


© Mute

Martin Gore – MG (Mute/Goodtogo)

Einen echten Popstar haben wir dann doch noch im Angebot. Aber ausgerechnet der will – zumindest zurzeit – kein Popstar sein. Martin Gore, hauptberuflich Songschreiber, Klangkonstrukteur und Banddiktator bei Depeche Mode – legt ein Solo-Album vor, das geradezu systematisch alle potenziellen Erwartungshaltungen zu enttäuschen versucht. Weder elegischer Synthie-Pop für DM-Fans noch funktionaler Minimal Techno, wie ihn Gore schon zusammen mit Vince Clarke als VCMG fertigte, sind auf MG zu finden. Stattdessen irre komplexe Klanggebirge, die mal ziellos herummäandern, sich dann doch noch einen vertrauten Rhythmus aneignen, nur um dann wieder durch unendliche Klangwelten zu cruisen. Spielereien, die aber gar nicht niedlich wirken. Elektronische Sinfonien, die dann doch nicht zu schwer an ihrem Gewicht tragen. Schön, wenn man als Popstar Zeit hat, sich seinen Hobbys zu widmen.