Es heißt, er habe eine Jahrhundertstimme. Einen weichen, vollen Bariton, sanft und schimmernd wie Seide, lockend und flüsternd. Eine Stimme wie aus der großen Zeit des Jazz in den Clubs von New York in der 42. Straße. José James singt die Lieder der späten Billie Holiday, die sie kurz vor ihrem Tod in fünfziger Jahren aufnahm. Das Cover seines neuen Albums scheint sogar aus jener Zeit zu stammen, die Ästhetik von Blue Note, der Sänger zur Seite gewandt, mit Sonnenbrille und schmalem Anzug, den Blick in die Ferne gerichtet. Vor wenigen Tagen ist Yesterday I Had The Blues: The Music of Billie Holiday erschienen, ein Tribut an die große Sängerin anlässlich ihres 100. Geburtstags und das Ergebnis eines jahrelangen Studiums ihrer Musik.

Klein, fast zart wirkt José James im Hotel in Berlin, wie er dort am Tisch sitzt. Er hat einen langen Weg hinter sich. Von einer Kindheit in Minneapolis in den achtziger Jahren, als Reagan schwarze alleinerziehende Mütter als "Welfare Queens" herabwürdigte und Sozialleistungen der Aufrüstung geopfert wurden, bis nach Manhattan, wo James heute lebt und an seiner Musik forscht. Ein Highschoolllehrer erkannte sein Talent und holte ihn in den Schulchor. Mit einem Stipendium kam José James dann an die New Yorker New School. In einem kleinen Club hörte ihn der britische DJ und Produzent Gilles Peterson, der 2008 sein erstes Album The Dreamer herausbrachte, das Martin-Luther King gewidmet ist. Es folgten mehrere Platten und jetzt eben die große Widmung an Billie Holiday.

Bis heute sei sie nicht nur die wichtigste und in ihrer Musik kompromissloseste Künstlerin, sagt James, sondern auch die erste, die offen über die Diskriminierung von Schwarzen und Frauen sang. Sie legte ihr Leben in ihre Songs, ungeschminkt und verletzlich. "Sie ist mit ihrer Geschichte und ihrer Erfahrung ein Teil der schwarzen Geschichte Amerikas und damit auch ein Teil von mir. Gerade heute, mit den Schüssen von Ferguson und der Polizeigewalt gegen Schwarze."

"Dorthin kann ich meine Band nicht bringen"

James erzählt von rassistischen Erfahrungen, die auch seinen Alltag prägten. "Ich erlebe es jeden Tag. Menschen, die mir sagen, ich gehöre nicht in die Flughafen-Lounge oder in bestimmte Restaurants. Taxis, die nicht anhalten, die ganzen unterschwelligen Kleinigkeiten." Er berichtet, wie er als 15-Jähriger in Minneapolis von bewaffneten Polizisten bedroht wird. "Dabei saß ich nur mit meiner Freundin im Park. Sie hätten mich einfach erschießen können und es hätte niemanden gekümmert." Der Tod von Michael Brown in Ferguson zeige nur, was schon immer da war. "Gerade wurde im Süden wieder ein Schwarzer tot an einem Baum gefunden. Und ich boykottiere immer noch Florida. Das Stand-Your-Ground-Gesetz erlaubt es dort jedem, auf Schwarze zu schießen. Dorthin kann ich meine Band nicht bringen."

Zwei von Billie Holidays Liedern sind José James besonders wichtig: God Bless The Child über weibliche Selbstbestimmung und Strange Fruit über die Lynchjustiz im Süden der USA. In ihnen erkennt James das Wesen von Billie Holiday, wie er sagt: eine mutige Frau, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung stelle und als Feministin für die Rolle der Frau in der amerikanischen Gesellschaft eintrete. Wegen Drogenbesitzes kam sie ins Gefängnis und verlor ihre Cabaret-Card, ihre Auftrittslizenz. Erst Anfang dieses Jahres belegten Veröffentlichung von FBI-Dokumenten, dass Billie Holiday nach der Aufnahme von Strange Fruit ins Visier des amerikanischen Geheimdienstes CIA geraten war und vom FBI angewiesen wurde, ihre Auftritte zu stoppen.


José James schwärmt von den starken, mutigen und kompromisslosen Frauen des Jazz wie Nina Simone, Abbey Lincoln und deren großem Vorbild, der Blues-Sängerin Bessie Smith. Doch nach der Diskreditierung Billie Holidays durch den amerikanischen Geheimdienst scheint das Interesse der USA an ihrer Kunst geringer zu sein als im Rest der Welt. Nun veröffentlicht James eben bei der japanischen Abteilung von Blue Note/Universal sein Billie-Holiday-Projekt, das er seit 2011 entwickelt hat. Dazu erscheint bei Universal Europe eine von ihm ausgewählte und kommentierte Zusammenstellung unter dem Titel God Bless The Child: The Best of Billie Holiday.

Schmerzhaft aktuell

Billie Holiday © Michael Ochs Archives/Getty Images

Besonders die späten Aufnahmen von Billie Holiday bannen José James. "Billie hat viele dieser Songs schon früher aufgenommen, Strange Fruit schon 1939, aber nachher klingt sie ganz anders wegen allem, was sie durchgemacht hat. Gewalt durch Männer, Drogen, Verfolgung. In diesen letzten Jahren hatte sie eine tiefe Weisheit, die man nur durch Lebenserfahrung erreicht. Durch zugefügte Wunden, aber auch durch die Kraft, trotzdem weiterzumachen."

Auch 50 Jahre nach Selma und der Bürgerrechtsbewegung hat er keine hohe Meinung von amerikanischen Politikern: "Sie profitieren von der Teilung der Gesellschaft. Der institutionalisierte Rassismus nutzt der Wirtschaft. Der Gefängnis- und Waffenindustrie und dem einen Prozent der Gesellschaft, das über 99 Prozent der Wirtschaftsressourcen verfügt." Er habe noch Hoffnung für die Menschheit, sagt James nüchtern, aber keine unrealistischen Erwartungen.

Für die Aufnahmen zu Yesterday I Had The Blues hat James im New Yorker Sear Sound Studio einige der derzeit besten Jazzmusiker um sich versammelt wie den Pianisten Jason Moran, den Bassisten John Patitucci und den Schlagzeuger Eric Harland. Sie haben das Album in einem Take eingespielt, beginnend mit Good Morning Heartache. José James habe sich das Gefühl einer Session gewünscht, wie in den frühen Morgenstunden, wenn das Publikum bereits gegangen ist und nur noch die Musiker selbst da sind. Am nächsten Tag ging er noch einmal allein ins Studio und nahm Strange Fruit auf. Unbegleitet, nur mit seinem Loop-Gerät. Er singt das Stück wie einen Field Holler, einen der alten Sklavengesänge auf den Feldern, untermalt von einer gesummten Melodie und einem rhythmischen Klatschen. Berührend, verletzlich und schmerzhaft aktuell.