Für eine Band wie Algiers ist schon ihre eigene Existenz problematisch. Ihr farbenblinder Rock 'n' Roll setzt sich aus Industrial, Gospel, Punk und Soul zusammen. Sie wollen damit nicht nur Musik schaffen, sondern eine Nische der Aufrichtigkeit, mitten im korrupten Treiben der Kulturindustrie. Es gibt deshalb keine einfachen Entscheidungen für Algiers. Jeden Schritt wiegen sie unter Berücksichtigung musikhistorischer Präzedenzfälle, politischer Implikationen und eigener Privilegien ab. Sie sind das Zweitschlimmste überhaupt: eine verkopfte, rechtschaffene Punkband. Das Schlimmste überhaupt wäre, einfach noch eine Band zu sein.

Es gehört zu den Limitierungen musikalischer Weltverbesserer, dass ihr Widerstand nur symbolisch sein kann. Das aber macht ihn nicht weniger wertvoll. D’Angelo, Kendrick Lamar und der Saxofonist Kamasi Washington haben jüngst gezeigt, welche Strahlkraft etwa Künstler entwickeln können, die aus R'n'B, Jazz und Rap schöpfen und ihr Bewusstsein für die Geschichte schwarzer Musik auf tagesaktuelle Entwicklungen übertragen. Sie gaben dem Aufbegehren in Ferguson, Baltimore und anderen US-amerikanischen Städten den breitenwirksamen Soundtrack, der zunächst gefehlt hatte.

Auf ihrem unbetitelten Debütalbum setzen Algiers mit einem Song über die Civil-Rights-Pionierin Claudette Colvin diesen Soundtrack fort. Zugleich graben der Sänger und Texter Franklin James Fisher, der Gitarrist Lee Tesche und der Bassist Ryan Mahan aber noch tiefer. Unter den Ausprägungen eines ebenso alltäglichen wie systematischen Rassismus finden sie eine kapitalistische Hegemonie am Werk, die die Menschen mit Ironie, Eskapismusangeboten und anderen Kaltstellungsstrategien bei Laune hält. Algiers werden grundsätzlich.

Verkopft und großartig

Auf dem Papier wirkt das Gegenangebot der Band notwendig, aber wenig verlockend: Es beruht auf Ernsthaftigkeit, Zusammenhalt, Glaube und Selbstbeschränkung. Erst in der Verbindung mit ihrem neuartigen Entwurf von Rockmusik wird es auch sexy. Dann zeigt sich: Algiers sind nicht nur rechtschaffen und verkopft, sondern auch großartig. Eine Band, die sich ihrer Existenz eigentlich nicht schämen müsste.

Und doch hadert sie mit sich. Algiers können noch so viel lesen, lernen und abwägen – als ambitionierte Künstler stoßen sie schnell auf ideologische Ungereimtheiten, die sich nicht vollständig auflösen lassen. Sie sind stolze Außenseiter, Aufmüpfige im kapitalistischen Realismus, die auch Äste ansägen, auf denen sie selbst sitzen. Die Veröffentlichung ihres unbetitelten Debütalbums macht Algiers aber auch zum Produkt, finanziert, beworben und verkauft von einer Plattenfirma, die zu den wichtigsten des amerikanischen Indie-Establishments gehört.


Die spannendsten Sachen passieren, wenn Musiker sich an solchen Widersprüchen reiben können. So ist es auch mit Algiers. Die Band schöpft Kraft und Originalität aus den Gegensätzen, die sich durch ihre Ansichten, ihre Besetzung und ihren Sound ziehen. Sie lotet die Grenzen ihrer Überzeugungen aus, wo andere Musiker überhaupt keine Überzeugung haben. Nicht nur Algiers' merkwürdige Stilmischung macht sie neu und aufregend, sondern auch ihr Bedürfnis, die eigene Existenz immer wieder vor sich selbst zu legitimieren.