Es war ein kalter Winter Mitte der fünfziger Jahre, als B.B. King im Städtchen Twist im US-Bundesstaat Arkansas ein Konzert gab. Ein Kerosinofen heizte. Zwei Männer prügelten sich, der Ofen stürzte um, Kerosin lief aus. Flammen leckten über den Tanzboden. King floh mit der Menge. Draußen merkte er, dass er seine 30-Dollar-Gitarre im brennenden Gebäude gelassen hatte. Er stürmte zurück, holte sie heraus.

Später erfuhr er, dass die Männer sich wegen einer Frau namens Lucille gestritten hatten. So nannte er von da an seine Gitarre. Das sollte ihn daran erinnern, nie wieder etwas so Dummes zu tun, wie wegen eines Musikinstruments in ein brennendes Gebäude zu rennen – oder sich wegen einer Frau zu streiten.

Die Legende vom Blueskönig und der Gitarre beschreibt King und seine Musik: eine Mischung aus Leidenschaft und Spontaneität einerseits, Zurückhaltung und einer Portion Würde andererseits. So ließ er sie klingen, seine Lucille, meistens eine halbakustische schwarze Gibson ES-355: reduzierte Klagelaute voller Emotion, aber nicht überladen, oft eher minimalistisch. King protzte selten mit Technik, er ließ den zumeist improvisierten Tönen Luft zum Atmen.

Sein Trilling prägte eine Gitarristengeneration

Die brauchten sie, denn er modellierte jede einzelne der sparsam gesetzten Noten mit kräftigem Verziehen der Saiten und einem Vibrato, für das er eine eigene Technik entwickelte, die er Trilling nannte. Sein charakteristischer Stil prägte eine Generation von Gitarristen wie Eric Clapton, Jeff Beck und Johnny Winter – und gab sogar dem viel flamboyanteren Jimi Hendrix einiges mit.

King schrieb seiner Lucille einen Song: "Lucille took me from the plantation / Or you might say brought me fame." Und so war es. Riley B. King wurde 1925 in Itta Bena, Mississippi, auf einer Baumwollplantage geboren. Als er fünf Jahre alt war, zerbrach die Familie, King wuchs bei seiner Großmutter auf.

Als Teenager lernte er Gitarre unter anderem von seinem Cousin Bukka White, einem Delta-Blues-Steel-Gitarristen. Als King 18 war, arbeitete er als Taxifahrer, spielte nebenbei in Kirchen und bald im Radio, zuerst in der Show von Sonny Boy Williamson. Bald legte er selbst als DJ die Platten seiner Vorbilder auf: Blind Lemon Jefferson und Lonnie Johnson oder Jazzgitarristen wie Charlie Christian und Django Reinhardt.

Den Namen Beale Street Blues Boy gab er sich, als er im Sender WDIA in Memphis eine eigene Radioshow bekam – nach der legendären Straße der Stadt, in der sich eine Blueskneipe an die andere reiht. Später wurde daraus Blues Boy alias B.B. King. In Memphis traf King, der bis dahin akustische Gitarre gespielt hatte, T-Bone Walker, den Pionier der elektrischen Bluesgitarre. "Als ich ihn das erste Mal gehört hatte, wusste ich, ich musste auch so eine haben", sagte er später, "fasst alles hätte ich dafür getan, außer stehlen". So trat Lucille in sein Leben.

1949 nahm King seine ersten Schallplatten auf und begann mit eigener Band, der B.B. King Review, zu touren. Mitte der fünfziger Jahre war sie eine der erfolgreichsten Bands in den für schwarze Musiker zugänglichen Clubs und Konzertsälen, 1956 spielte sie stolze 342 Konzerte.