Ende der Siebziger waren die Epigonen nicht mehr zu halten. Sie stürmten im Alleingang die Bühnen, sie erklommen die Klavierhocker der Bands, ja es gab kaum ein Schulkonzert, in dem nicht ein besonders romantischer Geist aus der Oberstufe versuchte, jene lyrische Ekstase herzustellen, auf die er sich wie kein Zweiter verstand. Sie schliffen die Töne an, sie schaukelten sich hinein in harmonische Muster, über denen sie ornamentale Glückseligkeiten verstreuten. Sie pflügten durch Blues- und Gospel-Vamps, und sie versanken in den Weiten pointillistischer Klanggemälde. Keith Jarrett war der einflussreichste Jazzpianist der Welt.

Fehlte nur, dass sie auch stöhnten und stampften und jauchzten wie er. Vielleicht hatten sie ihn nie live erlebt, vielleicht hatten sie vor dem Anbruch der Internetära tatsächlich nur seine Musik im Ohr. Dabei musste ihnen die lautstarke Begleitmusik seiner Aufnahmen schon damals das Bild eines Mannes eingeben, der sich dem Geschehen mit Haut und Haar überließ. Bis heute spielt Jarrett zeitweise im Stehen, duckt sich dann wieder tief in die Tastatur hinein, und windet Hals und Schultern unter dem längst zum grauen Igel zusammengeschmolzenen Afro mit reptilienartiger Beweglichkeit. Ein einziger Körper, dessen Verzückungen und Verrenkungen weder vom Kopf noch von den Fingern befehligt werden. Jarretts Solokonzerte leben aus einer Mischung von Konzentration und vegetativer Selbstvergessenheit, die sich auf der Grundlage eines aus allen stilistischen Himmelsrichtungen schöpfenden Vokabulars und in den Dienst eines Zusammenhangs stellte, in dem Mensch, Instrument und das, was im Moment zu ihnen spricht, eine unio mystica eingehen.

Jarretts Improvisationen

Doch alles, was den Epigonen gelang, war die Nachahmung eines Gestus. Wie viel Virtuosität sie auch investierten, es gelang nur Jarrett, die Spannung einer oft aus einem einzigen Motiv entwickelten Improvisation über 20, 30 Minuten aufrechtzuerhalten, während sie ganze Wundertüten voller Glitter ausschütten konnten. Als wäre eine musikalische Idee, und sei sie für sich genommen noch so lächerlich, nicht dadurch eine musikalische Idee, dass sie sich durch ihre sorgfältige Ausgestaltung definiert.

Selbst als 1991 eine autorisierte Transkription des Köln Concert erschien, jener Jarrett verhassten, im Januar 1975 zu nächtlicher Unzeit todmüde auf einem verstimmten Stutzflügel erschaffenen dreisätzigen Suite mit einer vorbereiteten Zugabe, die ihm den Weg zu einem Millionenpublikum jenseits der Jazzgemeinde bereitete, wurde das Geheimnis seiner Musik nicht etwa gelüftet. Sie gab, wie alle folgenden Transkriptionen, zwar Einblicke in seine Harmonisierungsverfahren und die Figuren der rechten Hand. Aber weder Jarretts hymnische Innigkeit noch sein dramatisches Talent ließen sich imitieren. Schon das berühmte Bremen-Encore der Solo Concerts Bremen/Lausanne, die zwei Jahre nach Jarretts noch mit komponierten Themen arbeitenden ECM-Debüt Facing You (1971) die Phase des freien Spiels einläutete, verweigert sich in den rhythmischen Überlagerungsgestalten des Mittelteils einer herkömmlichen Notation.

Wie lange ist das alles her. Wie sehr haben Keith Jarretts ausufernde Soloimprovisationen im Lauf von vier Jahrzehnten zu komprimierteren Formen gefunden. Welch schroffes Terrain, auf dem er zuweilen sogar die fraktalen Splitter seines großen Antipoden Cecil Taylor auflas, hat er dabei durchquert. Und in welchem Maß ist er sich zwischen der Tongischt von Radiance (2006), der Euphorie von Rio (2011) und den inbrünstig sanglichen Charakterstücken von Creation, die zu seinem 70. Geburtstag am 8. Mai erscheinen, treu geblieben. Zum ersten Mal dokumentieren sie nicht den Verlauf eines ganzen Konzerts, sondern Jarrett hat sie aus 2014 in Toronto, Paris, Tokio und Rom entstandenen Aufnahmen zu einer neunteiligen Folge montiert. Und wieder gewinnt er ihnen eine Bedeutung ab, die sich aus den im Prinzip einfachen Formgedanken der einzelnen Stücke nicht notwendig ergibt.

Die Biografie - unverzichtbar für Kenner und Novizen

Keith Jarrett 2006 in Venedig © Michele Crosera/AFP/Getty Images

Jarretts Schöpfung beginnt mit zwischen Dur und Moll gravitätisch modulierenden Akkorden, die sich über einem oktavierten, in Halb- und Ganztonschritten erst langsam auf-, dann absteigenden Bass erheben: ein mäßig bewegtes Auf-der-Stelle-Treten, das seine Intensität aus der Spannung bezieht, ob es sich wohl aus der selbst gestellten Aufgabe herauswinden wird. Darauf folgt eine fast heitere, aus einem simplen Terzmotiv entwickelte Invention, die in ein polyphones, durch Haupt- und Nebenstimmen wanderndes Geflecht mündet. Würde man Jarretts Anschlag, sein Mitquäken und den freien Umgang mit Zeitmaßen nicht sofort erkennen, niemand käme auf die Idee, es hier mit Jazz zu tun zu haben. Erst das dritte Stück führt in jene balladesken, wie noch eben zu später Stunde hingehauchten Gespinste, die Jarrett als Zugaben und Zwischenspiele etabliert hat, bevor er sich wieder in ein abstrakteres Feld harmonischer Rückungen begibt.

Tatsächlich lässt sich das ohne ein Aufwachsen in der zweisprachigen Umgebung von Jazz und klassischer Musik nicht denken. Jarrett erkannte aber auch, dass die Welten in der Praxis auf Dauer nicht miteinander zu vereinbaren waren. So sind die Aufnahmen von Samuel Barbers erstem und einzigen sowie Béla Bartóks drittem Klavierkonzert, die nun parallel bei ECM erscheinen, auch Archivstücke aus den 80er Jahren: respektable Interpretationen, die anders als etwa seine Aufnahme der Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch den Katalogen maßgeblicher Interpretationen aber nichts Neues hinzufügen.

Unverzichtbar für Kenner wie Novizen ist allerdings Wolfgang Sandners ausgezeichnet lesbare, aus der jahrzehntelangen Beschäftigung mit Werk und Person gewachsene Biografie. Sie hat nicht nur den Vorzug, einen musikanalytischen Zugriff zu besitzen, der mit trittsicheren Jazz- und Klassikkenntnissen wertvolle Einzelinterpretationen ermöglicht. Sie ist auch das einzige aktuelle Unternehmen dieser Art. The Man and the Music, das von Sandner mehrfach zitierte Buch aus der Feder des verstorbenen Trompeters Ian Carr, stammt aus dem Jahr 1991.

Sandner bettet die Geschichte des 1945, just am Tag des Kriegsendes als ältester von fünf Söhnen in Allentown, Pennsylvania, geborenen Jarrett zuverlässig ein in den kulturellen Kontext der Zeit. Er zeichnet die prägenden Jahre im Quartett des Saxofonisten Charles Lloyd und bei Miles Davis nach. In tendenziell chronologischen, vor allem aber thematisch fokussierten Kapiteln widmet er sich Jarretts amerikanischem Quartett mit Dewey Redman, Paul Motian und Charlie Haden, von denen kein Einziger mehr lebt, dem aufgegebenen europäischen Quartett mit Jan Garbarek, sowie dem ruhmreichen "Standards"-Trio mit Jack DeJohnette und Gary Peacock, welches das Great American Songbook noch einmal auf so wundervolle Weise verlebendigt hat. Auch dessen Tage sind dem Vernehmen nach gezählt. Bassist Peacock, der am 12. Mai seinen 80. Geburtstag feiert, hört wohl nicht mehr gut.

Unverstandener Meister

Die möglichen Einschränkungen fallen angesichts Sandners enzyklopädischer Leistung, die Jarretts Spiritualität ebenso einbezieht wie die wenig populären häuslichen Aufnahmen von Spirits oder No End, kaum ins Gewicht. Im Bewusstsein, ein Genie zu feiern, das sich aus biografischen Elementen allein gar nicht zusammensetzen lässt, rückt die Person mit ihren Marotten manchmal allzu sehr in den Hintergrund.

Während man über Jarretts Ehen und Frauen wirklich nicht jedes Detail erfahren muss, wäre es durchaus interessant zu wissen, welches Verhältnis er zu seinen Brüdern unterhält. Schließlich steht Sandner mit dem im pfälzischen Oberotterbach ansässigen Bruder Chris ein sehr viel weniger anerkannter Pianist Rede und Antwort – anscheinend mehr als der Meister selbst, dem Sandner erst im Epilog begegnet. Auch das auffällige Missverhältnis von risikoreicher Totalimprovisation und kleinfamiliärem Cocooning mit den immergleichen Musikern wäre eine Überlegung mehr wert.

Womöglich erlaubt ihm genau dies aber auch, seinen 70. Geburtstag noch als Weltwunder des Jazz zu feiern. In einer Linie, die von Fats Waller über Bill Evans bis zu ihm führt und von der schönen Gewissheit lebt, dass es in Sachen Jazzklavier nie ein letztes Wort geben wird.

Keith Jarrett: Creation (ECM Records)
Keith Jarrett: Samuel Barber/Béla Bartók (ECM Record)
Wolfgang Sandner: Keith Jarrett. Eine Biografie. Rowohlt Berlin 2015. 361 Seiten, 22,95 €