Diesmal haben die 124 Musiker der Berliner Philharmoniker nicht vorher schon erzählt, wo und wann es bei ihnen ganz besonders geheim und wichtig wird. Der massenmediale Erwartungsdruck war beim ersten Anlauf so gewachsen, dass die gestressten Philharmoniker die Wahl vertagten und in Kauf nahmen, nun werde man ihnen eine Krise attestieren. Diesmal hat es geklappt. Der Wahlgang, in dem nun über die Nachfolge von Simon Rattle ab 2018 entschieden wurde, war eine Überraschung für den Rest der Welt.

Überrascht auch das Ergebnis? Ja und nein. Nein, weil der designierte Kirill Petrenko schon seit Jahren "unter Genieverdacht" steht und spätestens seit dem Bayreuther Ring vor zwei Jahren als "Heilsbringer" gefeiert wird, gar als "konkurrenzlos bester Dirigent für Hochromantisches". Soweit das Vokabular der Maestro-Bestaunung, das ausgerechnet einem gilt, der mit ebenso heißem Atem als "Antimaestro" bewundert wird, aber, um das Mindeste gleich zu sagen, tatsächlich exzellente Arbeit leistet. Überraschend ist tatsächlich, dass der jetzt 43-jährige Musiker seine steile Karriere bislang vor allem in der Oper und jenseits der Konzertsäle gemacht hat. Er ist zwar weltweit mit herausragenden Orchestern aufgetreten – bei den Berliner Philharmonikern debütierte er 2006 –, hat aber nie ein primär auf Sinfonik ausgerichtetes Ensemble künstlerisch geleitet wie jeder der als Favoriten gehandelten Musiker von Dudamel über Nelsons bis Thielemann. Eine Erfahrung, die bislang (außer Celibidache) auch jeder Chef der Berliner Philharmoniker mitbrachte.

Aber nicht nur deshalb hatte niemand Petrenko so richtig auf dem Schirm, als es um Simon Rattles Nachfolge ging. Zum einen ist Rattle ein Kommunikator, der Interviews niemals als Zeitverschwendung abtäte wie Petrenko. Zum andern gibt es in einer breiteren Öffentlichkeit immer noch (oder wieder) die hierarchische Erwartung, an der Spitze eines "besten Orchesters" müsse eine eindeutig als auratisch erkennbare Person stehen, ob sie nun einer deutschen Eiche oder einem venezolanischen Waldbrand ähnelt. Petrenko, jetzt Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper, ist aber vor allem als besessener Arbeiter aufgefallen, pingelig, enthusiastisch, bescheiden. Als er noch Interviews gab, warf er seiner Zunft vor, die Dirigenten hätten "als zentrale Instanz" "das gemeinsame Hören betäubt".

Klangarbeit, Integrität und Kollegialität

Freilich hat er auch einmal gesagt, er wolle "nie wieder Chef" werden. Das war er zuerst in Meiningen, wo er als damals jüngster Generalmusikdirektor und wie lange vor ihm Hans von Bülow das Orchester derartig auf Zack (und durch einen spektakulären Ring) brachte, dass man ihn an die Komische Oper Berlin holte. Gleich zum Einstand bestand er da einen Härtetest, neben dem jedes Konzertpodium ein Streichelzoo ist: Er dirigierte Mozarts Entführung aus dem Serail in der Inszenierung von Calixto Bieito und entwickelte ein gediegen beschwingtes Klangbild in bestem Kontakt zur Bühne auch dann, wenn die Sänger damit beschäftigt waren, trotz Würgehalsbändern, Prügeln und Griffen an sämtliche Geschlechtsmerkmale schöne Töne hervorzubringen.

Und er stand zu dieser umstrittenen Produktion. Wie wichtig ihm Integrität und Kollegialität sind, wie verhasst jegliche Intrigen, das wurde jüngst deutlich, als er, der auch während der Proben nicht gern redet, "den unprofessionellen und völlig würdelosen Umgang der Bayreuther Festspiele mit der Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier und dem Darsteller Lance Ryan" öffentlich rügte. Vom Ring trete er nur deswegen nicht zurück, um das Ensemble nicht kurzfristig im Stich zu lassen. Dieses beherzte Einschreiten gegen jene dubiosen Machtspielchen, die wir uns längst als sommerliche Folklore abzutun angewöhnt haben, zeigt, dass er künstlerische nicht von mitmenschlicher Verantwortung getrennt sieht. Seiner Wahl zu Rattles Nachfolger stand das offenbar nicht im Wege.

Kerngebiet Hochromantik

Aber natürlich haben sich die Berliner Philharmoniker nicht für einen Gutmenschen entschieden, sondern für jenen Musiker, der, so bescheiden er jenseits der Töne wirkt, als "Penetrenko" hartnäckig an Nuancen feilt, aber im Konzert alle Schleusen aufreißen kann. Der Berliner Mitschnitt von Skrjabins Poème de l'Extase zeigt das berauschend und belegt zugleich Petrenkos Interesse am nicht durchgerittenen Repertoire. Elgars Zweite und sogar Musik von Rudi Stephan hat er mit den Berliner Philharmonikern gespielt – wo gibt's denn so was? Sein Kerngebiet ist aber jene Hochromantik von Wagner bis Mahler und Strauss, für die sich manche im Orchester wohl einen wärmeren, bekennenderen Ton wünschten als den des coolen Aufklärers Simon Rattle.

Da könnte einem wie Petrenko eine neue Synthese zwischen Analyse und Emphase gelingen. Da könnte das Russisch-Existenzielle, das er (wenngleich er schon mit 18 Jahren von Sibirien nach Österreich zog) mitbringt, für eine Verbindlichkeit sorgen, in der es nicht zu gemütlich wird. Dass Kirill Petrenko als Dirigent gegenwärtiger Musik noch nicht auffiel, lässt zwar in dieser Hinsicht auf keinen "Heilsbringer" hoffen. Dass man aber einen Typen mit "Da geht's lang"-Attitüde auch gar nicht will, sondern einen zum Selbstzweifel fähigen Partner, ist ein gutes Zeichen. Und dass der Mann aus dem Musiktheater kommt, ist ein noch besseres. Da ist man mit der Reaktion auf eine sich verändernde Gegenwart nämlich schon viel weiter als im Konzertbetrieb.