Einmal im Jahr geht der Mann, der die halbe Welt zum Tanzen gebracht hat, selbst tanzen. Oder, genauer: Einmal im Jahr geht Giorgio Moroder mal in eine Diskothek. Die heißt Giorgio, liegt am Sunset Strip im Herzen von Los Angeles und öffnet ausschließlich am Samstagabend ihre Tore für ein handverlesenes, auf exklusive Einladung erscheinendes Publikum von Mick Jagger über Sean "Puff Daddy" Combs bis Lenny Kravitz. "Aus Freundschaft muss ich da auch mal hin", sagt Moroder, und weil er 75 Jahre alt ist und weil er die Sache mit der Disco erfunden hat und natürlich vor allem, weil er Giorgio Moroder ist, klingt das kein bisschen arrogant. Es klingt eher wie: Wenn der Laden schon nach einem benannt ist, sollte man sich da wenigstens gelegentlich mal blicken lassen.

Ob er dort im Giorgio allerdings selbst tanzt, womöglich zu seinen eigenen Hits, das hat Moroder nicht verraten. Er hat lieber in seinen zum Markenzeichen gewordenen Schnurrbart gelächelt und in die Runde geblickt, die sich versammelt hat im Keller des Soho House. Hier, in dieser in der Mitte Berlins gelegenen Prominentenherberge, hat sich eine halbe Hundertschaft aus Journalismus und Musikbusiness versammelt, um dem großen und in Ehren ergrauten Mann zu huldigen.

Die Audienz im sogenannten Red Room ist getarnt als "Talk". Die Fragen aber, die Moroder von einer Moderatorin gestellt bekommt, sind zahnloser als beim Besuch des Papstes in einer Kindertagesstätte. Wie er sein Werk in der Rückschau sieht? "Ich habe viele Sachen produziert, die mir heute nicht mehr gefallen." Womit er sich beschäftigt hat, als er jahrzehntelang von der Bildfläche verschwunden war? "Ich habe hundert verschiedene Sachen gemacht und natürlich auch ein bisschen Golf gespielt." Warum er nun mit Déjà Vu nach mehr als 30 Jahren ein neues Album herausbringt? "Ich war nicht mehr so interessiert an der Musik. Mir ging's gut. Ich war glücklich. Dann kamen Daft Punk und haben mich wieder da reingezogen." Das ist der Augenblick, in dem ein schallendes Lachen den Raum erzittern lässt. Ein Lachen, das kein bisschen kokett, sondern vor allem erstaunt klingt. Er sei, sagt Moroder, genauso überrascht wie alle anderen, dass das Comeback des Disco-Rentners dermaßen viel Aufsehen erregt.

Wunderbar, sagt Moroder, sei es, wieder zurück zu sein im Musikgeschäft. "Ich habe zwanzig Jahre nicht viel getan und bin jetzt froh, wieder aktiv zu sein", sagt er. Sogar seine Frau, mit der er ein Vierteljahrhundert verheiratet ist, sei froh, dass der Ehemann nun wieder gelegentlich aus dem Haus komme. Allerdings sagt Moroder nicht wunderbar, sondern "wunderbor". Er sagt "zwonzig Johre" und "oktiv". Und wenn er von Spaß haben spricht, dann klingt das wie "Sposs hobben". Immer beim A bricht die südtirolerische Herkunft wieder aus ihm heraus. Das A spricht Giorgio Moroder immer noch aus wie ein O, trotz der vielen Jahre im sonnigen Kalifornien.

Seit 1978 lebt Moroder in den USA. Davor hatte er Disco erfunden. Zusammen mit seinem Arrangeur Harold Faltermeyer, Songschreiber Pete Bellotte und nicht zuletzt der Sängerin Donna Summer entwickelte er einen auf Synthesizer-Klängen, repetitiven Rhythmen und sexuell konnotiertem Gesang beruhenden Sound, der weltweit Furore machen sollte. In seinem mittlerweile legendären Musicland-Studio in München destillierte Moroder aus den gerade neu gewonnenen Erkenntnissen von Elektronik-Pionieren wie Tangerine Dream oder Popol Vuh und seiner Leidenschaft für amerikanischen Soul von Motown bis Philly-Sound unwiderstehliche Hits wie Love To Love You, Baby, Hot Stuff oder I Feel Love, zu denen die Lichtorgeln nicht mehr verlöschen wollten.