ZEIT ONLINE: Mister Herbert, viele Leute meinen, Popmusik sei kommerziell und deshalb zwangsläufig oberflächlich. Sie hingegen kämpfen für politischen, subversiven Pop.

Matthew Herbert: Ich glaube, das ist der Grund, warum ich Musik mache.

ZEIT ONLINE: Sie versuchen es nun schon seit 20 Jahren als DJ, Musiker und Produzent unter den verschiedensten Pseudonymen. Und sie wurden in den vergangenen Jahren sehr deutlich, haben musikalisch gegen Genozide, die US-Außenpolitik oder Massentierhaltung protestiert.

Herbert: Ich denke, im Moment steht sehr viel auf dem Spiel. Wie Naomi Klein sagt: "Das Einzige, was wir tun müssen, um uns selbst zu zerstören, ist nichts zu tun."

ZEIT ONLINE: Was kann Musik denn ändern?

Herbert: Erstens ist sie Ausdruck der Vorstellungskraft, sie sollte eine bessere Welt darstellen, in der Geschlecht und Rasse keine Rolle spielen und alle Menschen gleich behandelt werden. Zweitens kann sie Geschichten erzählen, zum Beispiel von Menschen, die ihr Leben auf Flüchtlingsbooten verloren haben. Drittens kann sie Menschen zusammenbringen: Tanzen ist großartig, weil man damit ganz körperlich eine Position einnimmt. Ich will nicht wie ein Hippie klingen, aber Musik kann dich füttern: Wenn du am Boden bist, kann sie dir aufhelfen, damit du rausgehen und kämpfen kannst. Sie kann inspirieren, indem sie ganz neue Arbeitsweisen aufzeigt. Und natürlich kann sie herausfordernd sein, sei es in ihrer Form, Funktion oder ihrem Inhalt. (Draußen ein Hämmern.) Was ist das für ein Geräusch? Ah, ein Hammer. Woher kommt das, wer schlägt da? Ist jemand eingeschlossen? Wird etwas repariert oder zerstört?

ZEIT ONLINE: Solche Fragen nach der Herkunft der Mittel stellt man sich eher in der bildenden Kunst. Ihre Musik funktioniert im Radio, im Club, in der Galerie, auf der Theaterbühne. An welches Publikum richten Sie sich?


Herbert:
Das hängt immer davon ab, was ich gerade mache. In diesem Jahr habe ich ein Fernsehdrama geschrieben und Regie geführt. Ich habe eine Oper gemacht, Theater, Fernsehen, ein Buch. Ich erkunde viele Wege, dieselben Geschichten zu erzählen: Wir müssen anfangen zuzuhören. Den Wissenschaftlern, den Eingeborenen, den Entrechteten, einander zuhören, unserer inneren Stimme, der Welt. Ich versuche nur, den Menschen viele verschieden Zugänge zu ermöglichen. Manchmal durch Songs, die man mitsingen kann. Manchmal durch Musik wie einen Schlag ins Gesicht, den man nicht ignorieren kann.

ZEIT ONLINE: Wie setzt man zu so einem musikalischen Schlag an?

Herbert: Ein wesentlicher Teil der politischen Arbeit ist der Moment der Erkenntnis. Es braucht nicht immer einen schockierenden Zeitungsartikel, der dir etwas erzählt, das du nicht wusstest. Es kann genauso gut der Moment sein, in dem du erkennst, dass du acht Jahre lang zum Klang einer Bombenexplosion getanzt hast. Und diese Wahrnehmungsverschiebung ist beinahe ein dadaistischer oder situationistischer Eingriff, wenn dich plötzlich etwas von deinem vertrauten Pfad schiebt. Das ist politisch gesehen vielleicht noch wirkungsvoller als einfach nur schlechte Nachrichten über die Klimaerwärmung.

ZEIT ONLINE: Gerade ist Ihr neues Album The Shakes erschienen. Welches Programm verfolgen Sie darauf?

Herbert: Diesmal gibt es gar kein so starkes Konzept. The Shakes ist sozusagen mein heimliches Vergnügen. Ich habe mich einfach nur gefragt, wie glückliche Musik wohl klingen könnte. Und ob es sie überhaupt gibt.

ZEIT ONLINE: Dafür gibt es doch viele Beispiele.

Herbert: Ja, zum Beispiel die Beach Boys. Aber man weiß auch von Brian Wilsons schrecklichem Geisteszustand. Oder man hört sich Sachen von Nile Rodgers an und liest dann, was für ein Freak er war.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Happy von Pharrell Williams?

Herbert: Das ist ein großartiges Beispiel für einen happy song. Auch wenn Pharrell Williams ihn mittlerweile so oft gesungen hat, dass er dabei nicht mehr sehr glücklich wirkt. Nun, jedenfalls habe ich darüber nachgedacht, was Vergnügen in einer Zeit bedeutet, in der alles zusammenbricht, in der Menschen in Booten flüchten, in der Menschen in Syrien vergast werden, in der Mädchen in Nigeria entführt werden und sich niemand darum schert, sie zurückzuholen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Stück über die Bootsflüchtlinge gemacht?

Herbert: Noch nicht, aber ich plane etwas. Und während ich hier darüber rede, fühle ich mich unwohl.