Als der vierte James-Bond-Film, Thunderball, 1965 in die Kinos kam, war der Druck auf die Produzenten groß. Der Vorgängerfilm, Goldfinger, war ein Riesenhit gewesen, Shirley Basseys Song hatte die Charts gestürmt und den Zeitgeist geprägt. Alle möglichen Interpreten wagten sich an den neuen Titel – selbst Johnny Cash sandte eine Tex-Mex Ballade vom "mighty Thunderball" ein, die die Produzenten allerdings keines Blickes würdigten.

Zunächst sollte also Shirley Bassey wieder ran, dann Dionne Warwick, schließlich wurde deren Song (Mr. Kiss Kiss Bang Bang) komplett verworfen und durch den Song Thunderball ersetzt, gesungen von Tom Jones.

Fünfzig Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Wieder stehen die Bond-Produzenten unter Druck, weil sie einen angemessenen Nachfolger für den Superhit Skyfall von 2012 finden müssen. Jahrzehntelang sind die Bond-Songs dem Zeitgeist hinterhergehechtet, mit Skyfall haben sie ihn fast traumwandlerisch getroffen. Bond klingt wieder chartkonform. Also bloß nichts ändern. Wie Bassey damals wird Adele gebeten, gleich noch mal für den diesjährigen Bond-Film zu singen, gerüchteweise soll das Angebot fünf Millionen Pfund betragen haben. Um solche Summen einzutreiben, brauchte Monsieur Largo in Thunderball noch einen Atomsprengkopf.

Diesmal hat der 23-jährige Grammy-Preisträger Sam Smith, der sich seit Monaten mit diversen Popballaden durch Europas Formatradioprogramme schraubt, den Zuschlag bekommen. Er singt zum neuen Bond-Film Spectre den Song Writing's On The Wall. Und, genau wie vor fünfzig Jahren, versucht der, der schließlich ran darf, den Vorgänger geradezu zu klonen. Tom Jones soll damals angeblich beim Versuch, das Wort Thunderball so lang zu halten wie Bassey Goldfinger, in Ohnmacht gefallen sein. Das wird Sam Smith bei seiner soften Nummer nicht passiert sein, die er gerade vorgestellt hat. Dennoch tut die Orientierung an der Vorgängerin dem Neuling nicht gut.

Schon "Skyfall" war ein Missverständnis

Thunderball ist solides Mittelfeld im Bond-Song-Derby, aber kein Klassiker. Writing’s On The Wall wird von Glück sagen können, wenn man ihn einmal ähnlich beurteilt. Der Song klammert sich viel zu stark an Skyfall, man hört ihm die Angst an, nichts falsch machen zu wollen. Die Streicher erinnern an You Only Live Twice, die Blechbläser verweisen auf Thunderball, aber das kriechende Tempo, das softe Klavier, die musicaleske Stimmführung sind Skyfall geschuldet.

Dabei war Skyfall eigentlich schon eine Art Missverständnis der Tradition. So gut Adeles Lied auch war – Bond-Songs hatten immer eine gewisse Ambiguität, die sie bei aller Wiederholung immer interessant machte: Geht es um Sex oder ums Töten? Warnt die Sängerin Bond vor dem Bösewicht, oder verhöhnt sie ihn? Sollen wir das Ganze ernst nehmen, oder ist da vielleicht doch ein Augenzwinkern? Das ist nicht vielschichtig, aber immerhin doppelbödig – bis Adele alles auf eine Ebene holte. Skyfall ist ein Trauersong, schlicht und ergreifend.

Writing’s On the Wall macht sich sämtliche Fehler von Skyfall zu Eigen. Einmal ging das noch, zweimal hintereinander ist es zu viel. Denn zwar taugt Skyfall als Bond-Song, aber nur bedingt als Vorbild. Beide Lieder, gemacht von Musikern, die noch Kleinkinder waren, als Tina Turner GoldenEye sang, haben nicht begriffen, dass ein guter Bond-Song auch ein kleines bisschen lächerlich sein muss. Nicht so lächerlich wie Man With the Golden Gun, aber selbst Goldfinger reimt "the man with the Midas touch" mit "a spider’s touch"! Und erwartete trotzdem, dass man mitsang und sich vor Goldfinger fürchtete. Das traute sich Adele nicht, Smith traut es sich noch weniger.