© MPS

Malakoff Kowalski – I Love You (MPS/Edel)

Im Zustand großer Erregung sind zwei Arten Triebabfuhr üblich: alles raus lassen oder nichts rein. Wer verliebt ist, neigt da zum Überschwang und lässt es alle Welt wissen, wen die aber verdrießt, der zieht sich oft ins Schneckenhaus zurück. Malakoff Kowalski ist beides: Verliebt in eine Frau, verdrossen vom Popbetrieb. Ein vertrackter Zustand zwischen Reduktion und Überfluss, die der Hamburger persischen Ursprungs aus Boston am Wohnort Berlin mit viel Nonchalance löst. Sein zweites Soloalbum heißt I Love You und schmiert dem Zeitgeist nostalgischen Honig um den Hipsterbart, als sei nicht der Mittdreißiger in die Spätfünfziger gereist, sondern die Vergangenheit zu ihm. In Jazzkelleratmosphäre legt er seine wunderbar windschiefe Stimme über glasklare Psychobeatriffs. Er selbst verortet sich zwischen Nouvelle Vague und Wes Anderson, was den 15 Tracks abermals die Atmosphäre eines schwarzweißen Science-Fiction-Films verleiht: aufs Nötigste reduziert, von Herzen übermütig, zum Niederknien schön.


© Erased Tapes

Masayoshi Fujita – Apologues (Erased Tapes)

So ganz ohne Übermut reduziert und dabei übervoll von anmutiger Kraft ist das zweite Album des japanischen Vibrafonisten Masayoshi Fujita. Zumindest in seiner Wahlheimat Berlin ist er unterm Pseudonym el fog bekannt. Weil sein Instrument oft als Schulchorbegleitung verkannt wird, hat es der virtuose Fujita lange Zeit eher als Accessoire ambientebasierter Spielereien eingesetzt. Auf Apologues jedoch führt er dessen Sound zurück zur Essenz – und erzeugt gerade dadurch eine warme Vielschichtigkeit, die man diesem metallisch kühlen Schlagwerk kaum zugetraut hätte. Produziert vom Elektrokünstler Jan Jelinek präpariert Fujita sein Arbeitsgerät mit allerlei Zusatzstoffen wie Alufolie oder Eisenstücken und erweitert damit nicht nur das Klangspektrum des Vibrafons. Dank befreundeter Musiker, die Fujitas Kompositionen wie beim fantastischen Puppet’s Strange Dream Circus Band mit Geigen, Flöten, Akkordeon unterstützten, entfaltet Apologues gelegentlich die Wucht eines vollumfänglichen Orchesters. Trotz und wegen aller Reduktion.


© Sony

Phela – Seite 24 (Sony)

Reduktion im Sinne einer Beschränkung aufs Wesentliche: damit könnte auch Phela gemeint sein. Man hört, sie sei der neue deutsche Stern am Pophimmel, in dem Frauen in Blumenkleidern mit engelsgleichen Stimmen singen. Zu streng analogem Instrumentarium, gern aufs selbstgespielte Klavier beschränkt, haucht die 25-Jährige ihre Alltagspoesie in die Neuköllner Luft. Protz und Prunk, alles Überflüssige, Aufdringliche, Selbstgefällige gehen ihr ab. Mit ungekünstelter Stimme singt sie auf ihrem Debütalbum Seite 24 von Farben, die sie sieht, von Schwere, die sie los wird, von Liebe, die mal leiser wird, mal lauter, von Kopf und Bauch, die einander in skeptischer Zuneigung beobachten. Das ist zwar Caféhauspop für Brigitte-Leserinnen ab 40, aber mit der Ausstrahlung einer Personaleinheit von Edith Piaf und Judith Holofernes: bisschen altbacken, stets aufrecht und klug. So oder so klingt das tausendmal ehrlicher als die verlogenen Gefühle der ähnlich mitteilsamen Frida Gold. Hoffentlich klaut sie der was von ihrem Erfolg.



© Altin Village & Mine

Die Goldenen Zitronen – Flogging A Dead Frog (Altin Village & Mine)

So wie den Goldenen Zitronen ein wenig vom Erfolg Gleichgesinnter wie Tocotronic zu gönnen wäre. Dafür freilich ist auch das zwölfte Album der Avantgardepunks zu erfolgsverachtend. Flogging A Dead Frog ist so konsequent auf distinguierten Krawall gebürstet, dass ein Hitparadenplatz unwahrscheinlicher wäre als jene klassenlose Gesellschaft, der die Hamburger seit fast 30 Jahren das Wort singen. Schon der Einstieg: Fan without Fan, ein düsterer Angriff aufs Harmoniebedürfnis im Stile des New Wave bevor er NDW wurde. Gefolgt von sperrigen Anleitungen zur Revolte gegen alles, was der freien Entfaltung des Menschlichen ins Gehege haut: Investoren, Gutmenschen, Gentrifidingsbums. Mehr genölt als gesungen, klingen die englischen Neubearbeitungen alter Instrumentalstücke wie Störfunk im Mainstreamradio. Doch gerade das ist nötig in Zeiten, da die Masse kurz von Moll auf Dur schaltet und, sagen wir, Flüchtlinge mit Empathie statt Toleranz genannter Verachtung begrüßt. Beides gießen die Goldies gewohnt umwerfend und renitent in ihre technoiden Kakophonien.



© Warp

Battles – La Di Da Di (Warp)

Derart analogen Techno macht seit zwölf Jahren auch das Mathrock-Trio Battles aus Brooklyn und hat dem Subgenre in dieser Zeit ein Subsubgenre verpasst, dem weiterhin ein griffiges Label fehlt. Man könnte es Dreychno nennen, das alternative Kellerclubkinder wie die OhOhOhs ebenso in die Partyszene gespült hat wie das weltbekannte Safri Duo: Ein treibender Mix aus Schlagzeug und Keyboards, der – hier unterstützt vom Gitarrenvirtuosen Dave Konopka – die multitaskingtaugliche Midi-Orgel mit dem Druck filigraner Drums vereinigt. Für letztere ist auch auf dem dritten Album La Di Da Di Ian Williams zuständig, für ersteres kein Geringerer als John Stanier, einst Taktgeber der legendären Hardcore-Band Helmet. Seine maschinell präzisen, quicklebendigen Beats geben den zwölf Instrumentaltracks eine Beredsamkeit, die den ausgestiegenen Sänger Tyondai Braxton vergessen macht – scheint das peitschende Tastenstakkato doch förmlich mit Staniers Rhythmik zu reden. Live ist das ein wahres Erdbeben, auf Platte immerhin markerschütternd.