© Sony Music

Jean-Michel Jarre – Electronica (Sony)

Jede Musik – das gilt für Buddy Holly, Beethoven oder Bon Jovi im Besonderen ebenso wie für Beat, Wave, Punk ganz allgemein – hat ihre Zeit. Vor 20 Jahren etwa glitzerte der gefällige Synthiepop von Air so belanglos schön, wie es nur in den Neunzigern ging, als das Partypublikum sich wundgeraved hatte. Kein Wunder, dass die zwei Franzosen nie an ihr Frühwerk anknüpfen konnten. Trotzdem versuchen sie es jetzt mit Electronica 1, das … Moment! Die Platte ist ja gar nicht von Air.

Sie ist von Jean Michel Jarre, der seine Zeit weitere zwei Jahrzehnte zuvor hatte, als ihm nichts weniger gelang, als den Pop vollsynthetisch zu revolutionieren. Wie würdelos wirkt es da, wenn er mit 67 nun andere reproduziert, statt elegant das eigene Erbe zu verwalten. Das Ergebnis klingt in den besseren Passagen wie ein baugleicher Klon gebrauchter Ware seiner jungen Landsleute, in den vielen miesen verklebt JMJ das Pathos von Oxygène mit aktuellem Kirmespop aus dem Chartsbaukasten und macht damit nicht nur ein Stündchen unserer Lebenszeit zunichte, sondern ein Stückchen Erinnerung an alte Zeiten. Es war nicht die schlechteste. Bis jetzt.

St. Germain – St. Germain (Warner)

© Warner Music


Um wie viel respektabler kehrt da ein Landsmann nach 15 Jahren Studiopause zurück, dessen Künstlername zwischen Jarre und Air zur Chiffre dafür geriet, was als French House gefeiert wurde: St. Germain. Mit seiner kongenialen Bläsercombo im Rücken ist Ludovic Navarre ein Weltreisender des Electropop, der auf seinen Streifzügen gern am Wegesrand herumliegendes Zeug aufliest und aktualisiert. Blues, Jazz, Chanson und nun also, auf dem vierten Album, die Rhythmen Afrikas.

Das machen St. Germain zwar ebenso wenig als Erste wie als Beste, aber sie machen es mit einer tanzbaren Nonchalance, die vielen ethnografischen Jägern und Sammlern fehlt. Ein Jahrzehnt hat der Kauz des Clubsounds in Ghana, Mali, Nigeria nach Material gesucht und ein groovendes Afrobeatkompendium gefunden, das schon im zweiten Stück klarmacht, wo es hinwill: Dank der kratzenden Stimme von Mahawa Doumbia mäandert Sittin' Here mit einer Lässigkeit den Äquator westwärts über die bruttigen Südstaaten ins abgewrackte Motown, sodass kein wildes Getier mehr durch die Weltmusik stromert, sondern wunderbare Beats.


The Mighty Stef – Year of the Horse (Burning Sands Records)

© Burning Sands Records

Durchs neue Album von The Mighty Stef stromern hingegen eher Reit- als Wildtiere. Bereits das Cover von Year of the Horse zeigt ein Kunstexemplar in 3 D, dahinter hetzen zwei Vollblüter mit Jockeys über den Turf, die Titel lauten schon mal Horse Tranquilizers – es scheint, als verströmten die zwölf Stücke Westernaura. Doch von Country kann keine Rede sein. Die Dubliner klingen zehn Jahre nach ihrem Debüt, wie Editors und Libertines wohl gern noch klängen: pathetisch, nicht larmoyant, brennend statt ausgebrannt.

Das Quartett um Songwriter Stefan Murphy gewinnt dem Britrock abermals jene Kraft ab, die mit Pete Dohertys erstem Drogenentzug versiegte, berserkern aber nicht so wüst in die Harmonien, dass alle Eleganz verlorenginge. Gut, zuweilen verirrt sich das Album wie so oft im Genre zwischen Ohohoh-Chorälen und Liebesgefasel. Abseits solcher Standards jedoch wirkt das Ganze wie eine grandiose Clubnacht auf Absinth. Da jene Pferde, die sie gar nicht reiten, dabei ständig mit ihnen durchgehen, verordnen sie sich das Beruhigungsmittel übrigens selbst.


The Phantom Sound – The Phantom Sound (Eigenlabel)

© The Phantom Sound

Wer von wem genau jetzt wie durch The Phantom Sound beruhigt werden muss, ist da schon schwerer einzuordnen. Musikalisch nahe am distinguierten New Wave der frühen Roxy Music, verpasst Marisa Schlussels Stimme diesem Debüt oft Debbie Harrys leicht gelangweilten Grundton und wirkt dabei ebenso aufgekratzt wie tiefenentspannt. Ein unvergleichlicher Spagat, den vor und nach Blondie kaum eine Band zuwege gebracht hat. 

Auch The Phantom Band nähern sich dem nur mit etwas Abstand an. Ihr digital aufgemöbelter Spätpunk klingt bei aller Lässigkeit allerdings oft so herrlich beschwingt und sachlich zugleich, wie es der Pop nur in seiner kreativen Ausdifferenzierungsphase zwischen Flower Power und Techno gelegentlich geschafft hat. Vornehmlich psychedelische, gern mal electroclashige Rock-'n'-Roll-Riffs im Rücken, erzählt die Kalifornierin mit Wohnsitz London aus dem Hallraum des Studios so beiläufig von Beziehungsbelangen, dass man gar nicht recht merkt, wie einem vieles davon in die Glieder fährt. Also doch eher ein Upper als Downer.

 

El Vy – Return to the Moon (4AD)

© 4AD

Um Medikamente welcher Art auch immer muss sich Matt Berninger wohl nie bemühen. Der singende Kopf des amerikanischen Indierock-Ensembles The National sorgt schon durch sein geschmeidiges Organ dafür, dass alle Zuhörer rasch ihre Mitte finden, ohne eingelullt zu werden. Sein stimmliches Sedativum ist gar von so herausragender Wirksamkeit, dass er im Nebenprojekt El Vy nun sogar die multiinstrumentale Schlagader der ungleich sperrigeren Kollegen von Menomena, Brent Knopf, unterbringt.

In den verspielteren Momenten klingt ihr Debütalbum Return to the Moon zwar etwas abseitiger als alles, was The National so treiben; doch auch hier sorgt Berningers Klangkörper für eine Wärme, die nicht selten hypnotisch mit Knopfs umherschlendernden Bass und der teils peitschenden Orgel harmoniert. Man muss sich gelegentlich eine milde Ohrfeige verpassen, um dabei die Augenlider hochzuhalten; dann aber entfaltet dieses Soloprojekt das, was Berningers Bariton verheißt: Tiefe.