Es hört einfach nicht auf. Seit Joanna Newsom vor mehr als zehn Jahren bekannt wurde, Anfang 20 war sie da, beschrieb man sie in unzähligen Artikeln als Märchenwesen, als Prinzessin, ganz so, als sei sie einem Fantasy-Roman entstiegen. Eine zarte Gestalt, fast unwirklich schön, jaja, mit langem blonden Haar, oho, die ihrer riesigen Harfe Zauberklänge entlockte und dazu mit einer kurios kieksenden Stimme ach so eigentümliche Weisen vortrug: So etwas hatte man vor ihr noch nicht gesehen und gehört. Dagegen wirkte selbst Björk hausbacken.

Inzwischen ist Joanna Newsom ein Star, eine anerkannte Singer-Songwriterin, die mit der großen Joni Mitchell verglichen wird und die ein paar hunderttausend Platten verkauft hat. Sie ist diejenige, die den schratigen Van Dyke Parks, der bereits in den späten Sechzigern mit den Beach Boys die wunderlichsten Songs in deren Karriere produzierte, dazu bewegen konnte, mit ihr eine ganze Platte aufzunehmen. Sie ist nun sogar in der Promi-Liga angekommen, hat in einem Film von Paul Thomas Anderson mitgespielt (Inherent Vice), man weiß, wo sie wohnt (Villa in den Hollywood Hills) und mit wem sie verheiratet ist (Stand-Up-Comedian Andy Samberg).

Heute werde sie nicht mehr ganz so oft als kindsgleiche Elfe bezeichnet wie zu Beginn ihrer Karriere, sagt Joanna Newsom beim Treffen in Berlin. Aber sie ist immer noch überaus dankbar, wenn man diese ganzen altväterlichen Zuschreibungen einfach sein lässt. Auch als Weirdo-Prinzessin lässt sie sich nicht gern beschreiben. Das ist das nächste Missverständnis, mit dem Joanna Newsom schon seit ihrem ersten Album konfrontiert wird. Damals, Mitte der nuller Jahre, gab es einen Hype um den sogenannten Weird-Folk, eine bunt gemischte Revival-Bewegung, zu der Musiker wie CocoRosie und Devendra Banhart gezählt wurden, kauzige und angequeerte Figuren, deren Folkentwurf weniger nach Friedensemo als nach halluzinogenen Pilzen klang. "Ich kenne die meisten Leute gar nicht, mit denen ich da zusammengeworfen wurde", sagt Joanna Newsom über die Zuschreibung, "dieses Szenekonstrukt war total künstlich und ich bin erleichtert, dass ich nicht mehr so oft in diese Kiste gesteckt wurde, als der Hype darum abflaute."

Denken im Übermaß

Joanna Newsom spricht bedächtig, sie lächelt viel und hört sich jede Frage interessiert an. Man weiß nie, ob das bloß amerikanische Höflichkeit ist oder ob sie wirklich so ausgeglichen ist. Da ist nichts Affektiertes an ihr, und das ist dann doch etwas überraschend. Denn ob weird oder nicht, eine eigentümlichere Popmusik als ihre ist kaum vorstellbar. Muss man nicht verschroben sein, um derart opulente Alben voller kryptischer Verweise zu entwerfen? Und dazu noch Harfe zu spielen? Und sich diesem merkwürdigen Internet und den Sozialen Medien völlig entziehen zu können?

Divers, ihr neues, viertes Album, ist wieder ein gigantisches Labyrinth voller musikalischer und intertextueller Unergründbarkeit geworden. Kein Dreifach-Album wie das letzte, Have One On Me, aber immerhin ein Doppel-Album. Wenn man so tickt und so arbeitet wie Newsom, muss man vielleicht auch in Superlativen denken. Sie schüttelt sich ihre Songs nicht aus dem Ärmel, sondern erarbeitet jeden einzelnen in endloser Tüftelei, dazu sucht sie nach einer Vision, die diese Songs zusammenhalten könnte. So wie viele Komponisten ihre Sinfonien schon vor der Notierung im Kopf haben, entwirft sie erst gedanklich ein Albumpanorama, das sich dann Schritt für Schritt materialisiert.