© Rummelplatzmusik

Manfred Groove – Ton Steine Sterben (Rummelplatzmusik)

Musik ist eine famose Art, Befindlichkeiten auszudrücken. Klug betextet geht sie spielend zu Herzen und wirkt selbst beim saftigsten Pop wie ein Code zum Geheimfach des Geistes. Bei Manfred Groove jedoch ist zu bezweifeln, ob der Wortschwall des Debütalbums irgendetwas Bedeutsames vermitteln will. "Ich mach‘ mein Ding, auch wenn es scheiße ist / und achte dabei peinlich genau darauf, dass es nicht scheiße ist / warum ich das eigentlich mache, weiß ich nicht / wahrscheinlich weil ich muss / wie das halt beim Scheißen so ist" – in diesem Duktus rappt Milf Anderson zum Beatgewitter seines Berliner Kumpels Yellowcookie und tanzt dazu, "als hätt‘ ich Senf in der Kimme".

Da breitet sich in 18 Stücken eine so gehaltvolle Redundanz aus, als passe die Welt tatsächlich "in eine Binsenweisheit", wie es in Goldstaub heißt, der sich auch sonst daumendick über die hinreißenden Tonkaskaden legt wie K.I.Z. mit Niveau und Bushido ohne Hass. Ob Manfred Groove damit die Welt erklären, ändern, veräppeln oder bloß unterhalten wollen, ist Auslegungssache; aber nie wurde man beim Auslegen von Hip-Hop besser unterhalten.



© Believe Recordings

Charles Pasi – Sometimes Awake (Believe Recordings)

Auslegungssache ist fraglos auch das Werk von Charles Pasi. Sein urbaner Soul brachte dem Songwriter aus Paris zwar schon mit Anfang 20 allerlei Vorschusslorbeeren; eine schwulstige Schicht Blues darüber verhinderte in den Jahren darauf allerdings, dass der Mundharmoniker auch unter Altersgenossen Anklang fand. Dafür könnte auf seinem dritten Album nun ausgerechnet ein Genre sorgen, das ihm zuvor bloß als Accessoire diente: Jazz. Zusammen mit Anklängen von Klassik verleiht er gleich dem zweiten Stück No Company eine Sperrigkeit, die Pasis kehligem Gesang filigranen Charakter gibt.

Gut, dem englischen Gefasel von Liebe, Sex und Zärtlichkeit hätte der Franko-Italiener in seiner Muttersprache sicherlich ein paar klügere Noten entlockt. Doch musikalisch ist Sometimes Awake auch dank der exzellenten Band unterhaltsamer als alle Vorgänger: experimenteller, funkiger, verspielter, kreativer, jünger, mit Off- oder Afrobeat zur rechten Zeit auch lebendiger. Weil der Thirtysomething noch dazu immer schöner wird, könnte es also klappen, mit der Karriere über die Festivals grauer Männer hinaus.




© Rocket Recordings

Josefin Öhrn + The Liberation – Horse Dance (Rocket Recordings)

Eine größer angelegte Karriere scheint für Josefin Öhrn hingegen unwahrscheinlich zu sein. Auch sie sieht super aus, hat eine höchst kompetente Kapelle zur Seite und mit einer ersten EP im Vorjahr zumindest zu Hause in Schweden ein wenig Aufmerksamkeit erregt. Ihr psychedelischer Alternative Rock ist jedoch viel zu verschroben für Hörgewohnheiten abseits dunkler Kellerclubs und Roskilder Randbühnen. Herrlich verschroben, muss man hinzufügen; das Debütalbum Horse Dance strotzt ja nur so von Ideen, wie man das Pathos des elaborierten Trübsinns ein wenig aufhellt. 

Sei es Öhrns hoffnungsfroh verhallender Gesang übers vertrackte Dasein im Ungewissen, aber Aussichtsreichen; sei es das hintergründig schwungvolle Schlagzeug, das dem Ganzen Tempo und Tiefsinn verleiht; seien es sorgsam gepickte Gitarrentöne in der Klangfläche  – alles vereint in der Videoauskopplung Take Me Beyond, die angenehm zwischen Hawkwind und Family of the Year mäandert. Nichts für die Karriere, viel fürs Gemüt.



© MPS

Barbara Dennerlein – Christmas Soul (MPS)

Ach, die Seele, unser amorphes Zentralorgan. Zur Weihnachtszeit steht es im Fokus der Unterhaltungsindustrie, weshalb sie uns Jahr für Jahr klingende Arzneien verschreibt, die es salben sollen und heilen. Doch leider landen zur Adventszeit bloß profitorientierte Generika unterm Baum, verabreicht durch Quacksalber wie Helene Fischer und Kylie Minogue, die ihr Konto heuer mit Recyclingschrott von Stille Nacht bis White Christmas mästen.

Immer wieder jedoch findet sich etwas Altgold. Diesmal: Barbara Dennerlein. Das Münchner Jazz-Kindl hat seinem Genre Mitte der Achtziger die Hammond-Orgel untergejubelt, was es nun im ausgedudelten Weihnachtsfach versucht und siehe da – Christmas Soul ist ein bemerkenswertes Stück Festtagsuntermalung, das schon darum über Heiligabend hinaus von Belang ist, weil man bei vielen der 13 Stücke mehrmals hinhören muss, um das Traditionelle zu bemerken. Mit pittoresker Querflöte wird Sleigh Ride tanzbar, mit elegantem Sax Oh Tannenbaum existenzialistenclubtauglich, mit viel Hingabe die ganze weihrauchvernebelte Konsumzeit erträglicher. Und das – versprochen! – war‘s an dieser Stelle mit Weihnachtsmusik.



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Bill Ryder-Jones – West Kirby County Primary (Domino)

Es geht also zurück in profanere Sphären fernab festlicher Gebräuche, hin zu einem Künstler, für den der Begriff des shoegazenden Slackers vermutlich mal erfunden wurde: Bill Ryder-Jones. Mit seiner blickdichten Lockenwolle vorm Kopf und dem verwaschenen Holzfällerhemd fände der Brite wohl auf keiner ernst gemeinten Weihnachtsfeier Einlass. Umso erstaunlicher, dass er sein drittes Studioalbum mit 32 Jahren exakt dort aufgenommen hat, wo auch ein Großteil seiner Bescherungen stattfanden: im Elternhaus von West Kirby nahe Liverpool.

Was im alten Kinderzimmer neben älteren Postern und ältesten Polstern entstand, ist eine Art Minimal-Powerpop zwischen Lemonheads und Arctic Monkeys, die der Multiinstrumentalist als Gastmusiker begleitet. Flüsternd erzählt er zur fröhlichen Fuzz-Gitarre, was aus dem Jungen von früher geworden ist und wirkt dabei manchmal so euphorisch, als sei er damit ganz zufrieden, meist aber so melancholisch, als gäbe es noch viel zu erledigen. Ein erwachsenes Kindheitsalbum übers Großwerden und Kleinbleiben.