"Darf dieser Mann für Deutschland singen?", fragte die Bild Anfang Februar 1998 in großen Lettern – daneben ein Foto von Guildo Horn. Heute wissen wir: Er durfte. Die Frage stellt sich gerade wieder. Der NDR als federführende ARD-Anstalt hat bekannt gegeben: Xavier Naidoo wird im Mai 2016 Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten.

Naidoos Erfolge sind unbestritten. Seine Alben erreichten Platz 1 der deutschen Verkaufscharts. Der Mannheimer singt technisch auf hohem Niveau und schreibt Lieder, die offensichtlich ankommen. Unvergessen der Erfolg mit Dieser Weg, das Lied, das die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 begleitet hatte. Das Stefan-Raab-Pendant zum ESC, den Bundesvision Songcontest auf ProSieben, hat er auch schon gewonnen.

Viele Preise hat Naidoo in seiner seit Ende der neunziger Jahre laufenden Karriere erhalten: Echos, MTV Europe Music Awards, Goldene Kameras. Vor Kurzem ist noch der Goldene Aluhut hinzugekommen, ein Negativpreis, der für pseudowissenschaftlichen Unfug vergeben wird, unter anderem an die Kampagne Impfen – nein danke! und an eine Aktivistin, die gegen die angeblichen Chemtrails kämpft. Naidoo war der Preisträger in der Kategorie Rechtsesoterik, Reichsbürger & BRD-GmbH.

"Weder rechtspopulistisch noch homophob"

Immer wieder ist Naidoo zuletzt durch Äußerungen aus dem rechtsradikalen Spektrum aufgefallen. Er behauptete, Deutschland sei noch immer kein souveränes, sondern ein besetztes Land und positionierte sich damit in der Nähe der sogenannten Reichsbürger. Die Geschichte der Anschläge vom 11. September 2001 in New York ist für ihn lediglich eine "offizielle Version". In einem Song suggerierte er einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie. Alles stramm rechte Positionen.

Die ARD scheint diese Vorfälle nicht zu kennen. Der Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber behauptet heute in einem Interview auf der offiziellen deutschen Eurovision-Website: "Xavier Naidoo ist weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch." Dabei sang Naidoo im Jahr 2009 in einem Lied über Baron Totschild, die Neonazi-Bezeichnung der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild. Schon vergessen?

Gäbe Naidoo im Mai 2016 lediglich ein Konzert in Stockholm, müsste uns das alles nicht weiter kümmern. So leicht ist es aber nicht. Zum einen, weil Naidoo ganz bewusst mit seinen Thesen in die Öffentlichkeit geht und sich zum Beispiel für einen Auftritt bei einer Kundgebung der rechten Organisation Staatenlos am 3. Oktober 2014 vor dem Reichstag entschieden hat. Zum anderen, weil dem Konzept des Eurovision Song Contest seit 60 Jahren immanent ist, dass hier nicht ein Künstler für sich auftritt, sondern ein Land vertreten wird. 

Repräsentant Deutschlands

2010 beim Sieg von Lena Meyer-Landrut hieß es eben nicht "Lena – twelve points", sondern "Germany – twelve points". Will Deutschland wirklich von einem Sänger vertreten werden, der – gute Stimmtechnik und Kompositionskraft hin oder her – die Souveränität eben dieses Landes leugnet? Die ARD sieht darin offenkundig kein Problem. Allerdings wird sie sich darauf einstellen müssen, dass spätestens Anfang Mai 2016, wenn der ESC in Stockholm bevorsteht, insbesondere ausländische Medien Naidoos politische Positionen thematisieren werden. Ähnlich wie das in diesem Jahr mit Måns Zelmerlöw der Fall war: Dass er 2014 in einer Fernsehsendung Homosexualität als unnatürlich bezeichnet hatte, wurde dem Schweden in Wien immer wieder vorgehalten.

Geschadet hat es Zelmerlöw nicht: Er gewann den Wettbewerb. Naidoos Beitrag steht noch nicht fest, das Lied soll Mitte Februar von den ARD-Zuschauern gewählt werden. Sicher ist jedoch, dass sich ARD-Koordinator Schreiber und der Künstler selbst in Stockholm unangenehme Fragen werden gefallen lassen müssen. Dass dann nicht allein über die Musik gesprochen wird, haben sie selbst zu verantworten: Wer einen bekannten rechten Verschwörungstheoretiker zu einem europäischen Wettbewerb schickt, darf sich über Kritik und Häme nicht wundern.