Auf dem Dirigentenpodium verspürte Kurt Masur stets eine gewisse Scheu vor den Zuhörern im Konzertsaal. "Ich kann auf der Bühne stehen, ein Orchester dirigieren und das Publikum vergessen. Ich habe nicht den Mut, jeden einzeln zu fixieren", sagte er einmal in einem Interview. "Das schirmt mich ab gegenüber zu vielen äußeren Eindrücken und macht mich immer dazu bereit, in mir selbst nachzufragen: Was ist richtig für dich, was ist nicht richtig für dich?"

Schon als Kind hatte der gebürtige Schlesier die Musik für sich entdeckt. "Wenn ich Lieder sang und Melodien auf dem Klavier spielte, fühlte ich mich immer zu Hause", bekannte er. Bis ins hohe Alter genoss er es, überall in der Welt Zuhörer zu finden, die durch die gemeinsame Leidenschaft für Musik mit ihm und untereinander verbunden waren.

Als großer Künstler hat sich Masur nicht nur am Pult bedeutender Orchester Anerkennung und Respekt verschafft. Sein Name wird auch für immer mit der deutschen Wiedervereinigung verbunden bleiben. Einen Monat vor dem Mauerfall konnte der Dirigent durch sein couragiertes Einschreiten verhindern, dass die Armee in Leipzig die Gegner des DDR-Regimes angriff.

Urheber des Besonnenheitsappells von 1989

Nach Proben stand dem damaligen Kapellmeister des Gewandhausorchesters am 9. Oktober 1989 nicht der Sinn. An dem Tag verdichteten sich Gerüchte, die Armee würde die Montagsdemonstration mit äußerster Gewalt niederschlagen. Die Oppositionsbewegung reagierte alarmiert, als sie erfuhr, dass in den Krankenhäusern zusätzliche Ärzte in Bereitschaft versetzt wurden.

In dieser bedrohlichen Lage setzte Masur alle Hebel in Bewegung, um eine Konfrontation zu vermeiden. Man müsse gemeinsam versuchen, das Schlimmste zu verhindern, erklärte er damals. Gemeinsam mit drei einsichtigen Parteifunktionären sowie dem Theologen Peter Zimmermann und dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange verfasste der Dirigent in aller Eile einen Text, der als Besonnenheitsappell in die Geschichte eingehen sollte. Masur habe alles bereits genau im Kopf gehabt, erinnerte sich Lange. Der Aufruf zur Gewaltlosigkeit wurde in Leipziger Kirchen und im Rundfunk verlesen. Zeitzeugen schreiben es vor allem Masurs moralischer Autorität zu, dass eine Eskalation der Lage verhindert werden konnte.

Erfahrungen im Taktieren mit der Obrigkeit hatte Masur zu dem Zeitpunkt schon zur Genüge gesammelt. Als ihn die SED als renommierten Künstler umwarb, nutzte er in früheren Jahrzehnten seinen Einfluss, um ein neues Konzerthaus für die Musikstadt Leipzig zu fordern: Anekdoten aus jener Zeit belegen, dass das Orchester in seiner alten Spielstätte durchaus mal vom Löwengebrüll aus dem nahen Zoo übertönt wurde. Ein unhaltbarer Zustand, von dem der Musiker Erich Honecker Anfang der achtziger Jahre überzeugen konnte. Masur gelang es auch bei dieser Gratwanderung, sich trotz seines renommierten Amtes nie als Marionette des Staates instrumentalisieren zu lassen.

Beethoven, Bruckner, Schumann

1927 im schlesischen Brieg geboren, entschied sich Masur schon früh für die Musikerlaufbahn. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am Konservatorium wurde er nach Stationen in Halle, Leipzig und Dresden 1960 unter Walter Felsenstein Erster Kapellmeister an der Komischen Oper in Berlin. Von 1970 bis 1997 wirkte er als Chef am Gewandhaus, das er somit auch durch die turbulenten Wendejahre begleitete. International bekannt wurde Masur vor allem durch Aufführungen der Sinfonien Beethovens, Schumanns und Bruckners.

Seit Mitte der siebziger Jahre trat er als Dirigent auch regelmäßig im Ausland auf – in der Carnegie Hall in New York, im Wiener Musikvereinssaal und im Concertgebouw in Amsterdam. Die New Yorker Philharmoniker überzeugte er derart, dass sie ihn 1981 zum Gastdirigenten ernannten. Trotz aller internationalen Erfolge behielt Masur immer sein Publikum in der Heimat im Blick. Aus Solidarität mit der Bevölkerung lud er 1989 die Montagsdemonstranten zu kritischen Debatten in das Gewandhaus ein.

Engagiert für den Dirigentennachwuchs

Nach der Wende zog es Masur allerdings aus Deutschland in die USA, wo er 1991 als Nachfolger von Leonard Bernstein Chefdirigent beim New York Philharmonic wurde. Den Leipzigern blieb er nach seinem Abschied aus dem Amt 1997 als Ehrendirigent verbunden. Weitere Posten nahm er beim London Philharmonic Orchestra und dem Orchestre National de France an.

Darüber hinaus engagierte er sich als Lehrer unermüdlich für den Dirigentennachwuchs. Er habe festgestellt, dass das Verhältnis zwischen hervorragenden Orchestern und hervorragenden Dirigenten nicht mehr ausgewogen sei, sagte er. Sowohl die einen als auch die anderen sollten dazu inspiriert werden, mehr über die Vergangenheit zu lernen, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Neben dem Großen Verdienstorden und dem Leo-Baeck-Preis in Deutschland wurde Masur auch in anderen Ländern geehrt. Noch mit über 80 Jahren ging er trotz seiner Parkinson-Erkrankung mit verschiedenen Orchestern auf Tournee. Zuletzt dirigierte er sogar vom Rollstuhl aus.

Am 19. Dezember ist Kurt Masur im Alter von 88 Jahren gestorben.