Sia: This Is Acting (Inertia/Sony)

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Der Schriftsteller Thomas Pynchon hatte mal einen Gastauftritt bei den Simpsons, mit Papiertüte auf dem Kopf, weil er natürlich nicht erkannt werden möchte, und Neonschild im Garten mit dem Hinweis, dass in diesem Haus der berühmte Thomas Pynchon lebe. So ähnlich ist es auch mit Sias Weigerung, ihr Gesicht zu zeigen. Weil sie nicht erkannt werden möchte – nach fast 20 Jahren im Musikgeschäft und mehreren Alben mit ihrem Porträt auf dem Cover – versteckt sich die Australierin mittlerweile hinter großen Perücken.

Was sich als künstlerische Reinheit ausgibt, fühlt sich wie eine Marketingstrategie an und hat letztlich den gegenteiligen Effekt: die Fernsehauftritte (verwässerte Performance-Art) und Videos (mit dem Auge immer auf GIF-barkeit) haben 2014 nur von dem Album 1000 Forms of Fear abgelenkt, auf dem sie den Spagat zwischen großer Pop-Geste und intimer Zerbrochenheit geschafft hat.

Auch auf This is Acting schwankt sie nun zwischen Mut und großer Unsicherheit. Die Songs sind bis auf eine Ausnahme für andere Künstler geschrieben, die sie aber nicht haben wollten. Ein Album mit De-facto-Abfallprodukten aufzunehmen und dann auch noch mit dem Titel This is Acting die eigene Oberflächlichkeit auszustellen, traut sich vielleicht nur Sia Furler.

Die beiden Eröffnungsballaden Bird Set Free und Alive, ursprünglich für 25 geschrieben, sind tatsächlich an Adele-igkeit nicht zu überbieten. Songs wie Move Your Body (mit famosen Hihat-Gewitter) und Cheap Thrills (mit Dancehall-Vibe) wiederum passen zu jedem Popstar diesseits von Katy Perry. Ohne es zu wollen, enthüllt das Album viel von der Leere von aktuellem "Ich bin stark! Du bist stark! Lass uns feiern!"-Pop.

Sia kann singen, aber hier röhrt sie vor allem. Die stimmliche Dramaturgie ihrer frühen Alben oder Arbeiten mit dem britischen Triphop-Duo Zero7 fehlt. Trotz aller Hooks: This is Acting ist ein unbefriedigendes Album. Aber, immerhin, mit seinem offenen Spiel mit Kunst und Kommerz tausendmal provokanter als Perücken-Kapriolen bei Saturday Night Live.


Turbostaat: Abalonia (Pias Germany)

© Pias Germany

Wenn irgendwann Seminararbeiten zum Thema "Die Flüchtlingskrise im Spiegel der Popmusik" geschrieben werden, dann beißt sich eine arme Studentin an Abalonia von Turbostaat die Zähne aus. Das Album der nordischen Punkband soll ein Statement zum neuen deutschen Herbst sein, zu Hass und dem Ziehen in die Fremde. Das könnte aufgehen, schließlich sind täglich schlechte Nachrichten und vage Weltuntergangsstimmung guter Nährboden für Punk.

Leider kommen Turbostaat aus der Schule deutschen Songwritings, die Fragmentierung mit Bedeutung verwechselt. Die Musik haut aufs Maul, die Texte tun es nicht. "Im Dunklen liegt die Oper /die Stadt doch viel zu nett / für die hässlichen Gedanken in euch" singt Jan Windmeier mit Wut in der Stimme, und der Bezug zu Dresden ist eindeutig. Aber warum eigentlich so um die Ecke, und warum bleibt am Ende nur ein lascher Zeigefinger übrig? Und wie sollte schöne Architektur vor faschistischer Ideologie schützen?

Ist vielleicht auch nicht so wichtig, wenn die Musik so nach vorne kickt. Turbostaat verzichten diesmal auf Popelemente und bleiben im Jahr 1979 stehen. Immerhin das tun sie entschlossen.


Bloc Party: Hymns (Infectious Music)

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Auf der britischen Indiewelle schwammen Bloc Party eine Weile ganz gut. Zehn Jahre später ist außer dem Debüt Silent Alarm nicht viel von der Band übrig geblieben, bis auf den Kopf Kele Okereke. Hymns ist eine Neuerfindung der Band – oder eher, im heilsuchenden Tonfall der Platte, eine Wiedergeburt.

Als Songwriter hat sich Okereke von den Kirchenliedern seiner Kindheit inspirieren lassen, auch wenn die vermutlich wuchtigere Texte hatten: "I used to find the answers in the Gospel of St. John/now I find them on the bottom of this shot glass", die letzten beiden Worte etwas gezerrt, damit man nicht merkt, wie sehr die Zeile hinkt. Okereke bemüht sich, seine Stimme mit Seele zu füllen. Den nach Antwort Suchenden gibt er überzeugend.

Auch musikalisch ist die Platte auf der Suche. Die Nervosität der frühen Jahre haben Bloc Party abgelegt, stattdessen haben sie eine Schicht Glam (gefiltert durch Britpop) auf die Musik gelegt. Irgendwo klingen auch eine Orgel und ein Americana-Schlagzeug. Nur ganz am Ende des Albums kommt ein klassischer Bloc-Party-Song. Gutes oder schlechtes Zeichen für die Zukunft? Vielleicht ist das die Frage, nach deren Antwort Okereke sucht.


Get Well Soon: Love (Caroline/Universal)

© Caroline/Universal

Konstantin Gropper aus Mannheim wurde bisher immer schwere Prätention im Endstadium vorgeworfen: Als Get Well Soon macht er Konzeptalben über Stoizismus oder den wendländisch-oberschwäbischen Landschaftsdichter Arnold Stadler. Auch Love – der Titel verrät es – will eine Deklination dieses großen Themas sein: Liebe ist eine Luftbrücke, Liebe ist unordentlich, Liebe ist Liebe.

Gropper versteht etwas von Klang und Melodie. Das macht das Album so schmerzhaft. Denn hinter den so schön gearbeiteten Songs, die immer wieder knapp am Kitsch vorbeischrammen, steckt unangenehmes Augenzwinkern und das Gegenteil von Empathie. Es sind keine Lieder über Liebe, sondern unangenehm kichernde Grabesgesänge – bis auf den Song, der tatsächlich Eulogy heißt und wie ein sanfter Folk-Stampfer daherkommt. Um mit Max Frisch zu sprechen und die Art von selbstgefälliger Anspielung zu machen, die Gropper so gefällt: Was macht er mit der Liebe?


SSIO: 0,9 (AON Records)

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Kenner und 16-Jährige wissen es längst: Rheinland ist Rapland. In Düsseldorf sind Kollegah und Farid Bang, in Bonn sitzt das Label Alles Oder Nix von Xatar. AON Records steht für Retro-Beats mit starken G-Funk-Anleihen und lauten Drums. Das, zusammen mit unaufdringlicher Selbstironie und dem Einsatz der Bi-Sprache (Kibilo statt Kilo), hat schon Xatars letztem Album geholfen. Jetzt zieht SSIO nach.

Während Xatar neben den üblichen Straßenrap-Storys auch politische Inhalte (z.B. Geld ist irgendwie schlecht) einbaut, konzentriert sich SSIO auf Wesentlicheres. Es geht ums Verkaufen von Drogen, vor allem von besonders starkem Haschisch, regelmäßige Bordellbesuche und seine alles überragende Männlichkeit.

Das müsste eigentlich unerträglich sein, aber durch SSIOs Charme und vor allem sein Gespür für Timing wird daraus große Comedy. Die Hooks funktionieren auch in der Zweit- und Drittverwertung. Musikalisch wird nicht nach vorn geschaut, auch wenn es vielleicht ein paar Synthies mehr gibt. Das Cartoon-Cover à la Doggystyle verrät es: SSIO wäre gerne Snoop Dogg. Irgendwie ist er es auch.