© Jane Allen

Kalipo: Wanderer (Audiolith/Broken Silence)

© Audiolith/Broken Silence

Es gibt kaum etwas Egaleres als die Reisen anderer Leute, und am allermeisten gilt das für Musiker. Schlimm genug, dass immer noch Tourtagebücher veröffentlicht werden, als seien die Geschichten darin nicht fürchterlich austauschbar. Noch schlimmer, wenn daraus ein Album entsteht. Und am schlimmsten, wenn das auf den Solopfaden eines Spaßmachers spielt, der endlich einmal ernstgenommen werden will und dafür die vertonte Version des Dia-Abends in die Redundanzspirale schickt.

Falls jemand Jakob Häglsperger das Memo geschickt hat, steckt es vermutlich noch in irgendeinem thailändischen Faxgerät. Eigentlich ist Kalipo als Teil von Frittenbude damit beschäftigt, die großen Bühnen abseits der Meinungspresse mit erwachsenen Menschen in Tierkostümen und den Raum davor mit verdrogten Teenies unter Antifa-Fahnen zu füllen, aber auch so jemand hat ja mal Urlaub. 2014 nutzte Häglsperger diesen schon fürs Album Yaruto, das die Party nach innen verlegte, von den oberlässigen Elektropop-Hymnen zum bescheiden klugen House. Wanderer erzählt nun von den Reisen danach. 

Die einzelnen Stücke tragen deshalb gefährlich langweilige Titel wie Banana Garden oder Lost in Vienna, drängen aber niemandem belanglose Abenteuer auf, sondern geben den Anstoß für eigene Entdeckungen. Kalipo wärmt seine Beats langsam auf und treibt sie dann in Sichtweite vor sich her, ohne Höhenflüge, immer schön im Dunkeln. Wanderer ist ein unauffälliger Begleiter, den man gerade deshalb nicht mehr loswird. Die Melodien schrauben sich leise genau da fest, wo man gerade ist, nicht da, wo Häglsperger mal war. Währenddessen schlagen die eigenwilligen Samples Markierungen, an denen die nächsten Reisenden erkennen können, wer hier schon getanzt hat. Falls das wichtig ist.


Daughter: Not To Disappear (4AD/Beggars/Indigo)

© 4AD/Beggars/Indigo

Die Londoner Indiepop-Band Daughter veranstaltet eher sorgfältig geführte Touren auf die melancholische Seite. Vor drei Jahren hielt If You Leave dabei die Hände Tausender einsamer Herzen, die sich erst noch daran gewöhnen mussten, nicht mehr jeden Satz mit "Wir" zu beginnen und über andere Ausflugsziele als Ikea und romantische Ferienhäuser nachzudenken. Jetzt drückt Not To Disappear noch mal ganz fest alle, bei denen sich seither nichts getan hat.

Natürlich hören Daughter nicht nur Leute, die sich sonst nicht groß mit Musik beschäftigen, aber sie machen einen relevanten Teil aus. Wenn Elena Tonra sanft-schläfrige Zeilen wie "And when it's dark I'll call out to the night for my mother / But she isn't coming back for me cause she's already gone" singt, klingt das schön und traurig, und es tut niemandem noch mehr weh. Man kann sich nicht verlieren in den ordentlichen Rhythmen und den hoffnungsgaukelnden Gitarrenlinien, und man findet nicht viel in den wabernden, elektronischen Momenten, in die Tonra belanglose Geständnisse haucht: "I hate sleeping alone." Wer das für mutig hält, muss noch viel lernen.


Mystery Jets: Curve Of The Earth (Caroline/Universal)

© Caroline/Universal

Noch mal London, noch eine Indieband mit großen Ambitionen. Mystery Jets versuchen seit mehr als zehn Jahren, das nächste Ding zu werden, ob nun im Indierock, Pop oder Americana. Das sechste Album Curve Of The Earth packt seine knapp zweitrangigen Ohrwürmer in eine angenehme Mischung aus allem Vorhergegangenen, in der sich softe Melodien über hölzernes Klopfen ziehen, satte Gitarren die psychedelischen Anflüge auf den Boden zurückholen und lustige Reime zum traurigen Klavier an Zeiten erinnern, in denen Englischsein schon ausreichte zum Erfolg.

Dass nichts mehr so leicht ist, scheinen Mystery Jets zumindest geahnt zu haben, aber natürlich haben auch die stilisierte Flucht ins All schon so viele andere vor ihnen angetreten, dass es dort längst nicht mehr so aufregend ist. Zwischen Glastonbury-Riffs und orgeligen Ausbrüchen singt Blaine Harrison von seiner ersten Zigarette und dem letzten Trip, lässt sein Falsett dabei vom Chor umwehen und bleibt ultimativ doch allein, weil alle schon da waren und alles schon gesehen haben.


Yorkston/Thorne/Khan: Everything Sacred (Domino/Goodtogo)

Domino/Goodtogo©

Viel besser als ein Selbstfindungsretreat ist es natürlich, sich einen echten Sarangi-Spieler an Bord zu holen. James Yorkston hat sich dafür Suhail Yusuf Khan ausgesucht, der mit seinem Zupfen und Singen zwischen indischer Folklore und experimentellem Indierock alles andere in den Hintergrund schiebt. Dort steht neben Yorkston noch der Lamb-Kontrabassist Jon Thorne und versucht gemeinsam mit dem schottischen Singer-Songwriter, dem Zusammenspiel so etwas wie britische Gelassenheit zu verleihen. Das muss scheitern.

Mit dem Spaß ältlicher Musiklehrer, die ihre wildesten Träume ausleben, tappen, sirren, streichen und summen sich die drei durch jazzige Folgen, die immer dann wechseln, wenn einer das eigene Instrument in die Luft wirft und dem nächsten zuzwinkert. So ist jeder mal Plumpsack und kann seine Runde so spärlich oder laut gestalten, wie er sich gerade fühlt, was ein Album von merkwürdiger Präsenz ergibt. Everything Sacred ist sich selbst genug, es rennt nun wirklich niemandem hinterher, aber es geht auch niemandem entgegen. Wer will, soll halt mitkommen, aber sich dann bitte nicht beschweren.