Ein Wandbild im Londoner Stadtteil Brixton zeigt David Bowie als Ziggy Stardust. © Carl Court/Getty Images

Meine Mutter hörte ihn. Sie hörte ihn Anfang der Siebziger mit 18 oder 19. Sie wollte der Enge ihres Elternhauses im dunkel drohenden Schwarzwald entkommen. Sie bemalte sich das Gesicht, sie zog glitzernde Kleider an, sie fuhr in die Stadt. Sie nahm Drogen. Sie hörte David Bowie. 

Später, in den Achtzigern, als ich ein kleiner Junge war, spielte sie mir seine Songs vor. Da nahm sie keine Drogen mehr (glaube ich). Und David Bowie zu dieser Zeit auch nicht mehr (glaube ich). Sie zeigte mir D. A. Pennebakers Konzertfilm Ziggy Stardust and the Spiders from Mars auf Video. Ich erinnere mich an das grellrote Licht, in das die Bühne getaucht war. An die energiegeladen Klänge und das dünne, so sonderbar anziehende Wesen, das sich in diesem Licht bewegte, dort lebte, selbst Licht war. Und an die Stimme dieses Wesens: kraftvoll, herausfordernd, einsam.

Kurze Zeit darauf gab ich Konzerte in Glitzerkostüm in unserem Wohnzimmer vor Freunden meiner Eltern. Und vor ein paar wenigen Klassenkameraden, die bereit waren, diesen absonderlichen Jungen aus der Nachbarschaft ein bisschen zu unterstützen. Um es kurz machen: Aus mir ist nie ein glorreicher Performer geworden und ich habe lange kein Glitzerkostüm mehr getragen. Aber David Bowie hat mich auf einen Weg geführt, den ich nicht kannte. Dabei kommt mir eines seiner Zitate in den Sinn: "Wann immer ich mich ein kleines bisschen unwohl fühle, weiß ich: Ich bin auf der richtigen Fährte."

Ein Held des Anfangs

David Bowies Kunst hat Wurzeln in vielen Leben. Und sein Tod ist wie der Titel seines letzten Albums: ein dunkler Stern. Aber es gibt Trost: Er hat die Erde in der Zeit seines Schaffens für die Außerirdischen unter uns zu einem annehmbaren Exil gemacht. Und was noch wertvoller ist: ihnen gezeigt, dass sie stolz sein können auf sich, ihre mutige Reise. Dafür danke ich ihm von Herzen.

Es gibt Helden in unserem Leben, deren Nähe suchen wir im Zeitenwirbel, um Beständigkeit, Halt, Geborgenheit zu finden. David Bowie gehört nicht zu ihnen. Das hat er nie. David Bowie ist kein Held des Verweilens, sondern ein Held des Anfangs. Und er ist uns – die wir nun ohne ihn kalten Gefilden zurückbleiben – wieder einmal einen Schritt voraus.

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