Der Berliner Tagesspiegel hat Bowies alte Nachbarn 2013 besucht und diese Reportage anlässlich seines Todes nun noch einmal veröffentlicht.


Berlin-Schöneberg im Jahr 1976, die Hausbesitzerin Rosa Morath macht sich Sorgen: Einer ihrer Mieter, ein Rechtsanwalt, ist auf Abwegen. Seine Siebenzimmerwohnung in der Hauptstraße 155 funktioniert er in eine Kommune um, streicht alle Wände schwarz und verdunkelt die Fenster.

Auf Berlins Straßen demonstrieren die Reste der außerparlamentarischen Linken, "Strickstrumpfindianer, die der Osten fürs Randalieren bezahlt", glaubt Rosa Morath, und nun sieht es so aus, als würden einige von ihnen sich in ihrem Haus festsetzen. Eines Tages hat Morath genug, steht beim Mieter an der Tür und rechnet ihm so lange seine Missetaten vor, bis dieser kündigt – und eine schwarz gemalte Wohnung hinterlässt.

Während Rosa Morath sich noch fragt, woher sie das Geld für die anstehende Sanierung nehmen soll, kommt eine Frau und erklärt, sie würde die Wohnung im Auftrag eines britischen Künstlers mieten. Allerdings müsse die Besitzerin zustimmen, dass der neue Mieter vor Einzug einen Trupp Handwerker durch die sieben Zimmer schicken darf – auf seine Kosten. Eine Bedingung, die Rosa Morath gern erfüllt, und so wird renoviert. Der neue Mieter zieht im Herbst ein: Es ist David Bowie. So erzählt es seine damalige Vermieterin 37 Jahre später am Telefon, mittlerweile 77 und zu einem persönlichen Treffen nicht zu bewegen.

Einerseits ist Bowie 1976 ein Rockstar mit einem beachtlichen Drogenproblem. Aber eben auch mit einem Faible für weiß gestrichene Wände. Und Bowie kommt nicht allein, mit ihm zieht der Punkrocker Iggy Pop in die Hauptstraße, zuerst in dieselbe Wohnung, dann in eine kleinere im Hinterhaus. Der Grund: Er klaut zu oft die Lebensmittel aus dem Kühlschrank, die Bowie im KaDeWe gekauft hat.


Bowie bleibt bis 1978 in Berlin, in dieser Zeit entstehen die als "Berliner Trilogie" bekannten Alben Low, Heroes und Lodger. Auf dem Album The Next Day erinnert die erste Single Where Are We Now? an diese ergiebige Schöneberger Zeit.

Ein kleiner dünner Mann

Wie war wohl der bereits damals berühmte Popstar als Mieter in einem stinknormalen Berliner Altbau? Die Töchter der Vermieterin geben in einem Café in Lichterfelde Auskunft. Brigitte Morath und Barbara Janzen, heute Tierärztin und Beamtin, damals Teenager zwischen 16 und 18 Jahren. Im Gepäck haben sie alte Bilder und Anekdoten.

Die Hauptstraße 155 zu Bowies Zeiten: ein grauer Kasten, der erste Hinterhof mit der Wohnung von Iggy Pop, der Legende nach regelmäßig mit der Gitarre am Fenster, der zweite Hinterhof mit vielen türkischen Einwanderern im Gartenhaus. Und im Vorderhaus verkauft der familieneigene Laden Autoersatzteile, der Stiefvater sitzt an der Kasse, die Mutter in der Buchhaltung und Hausverwaltung. Und Bowie?

"Ein kleiner, dünner Mann mit einem schmalen Gesicht", erinnert sich Barbara Janzen, die ältere der zwei Töchter. Janzens Stiefvater Wolf-Dieter Trewer, ein ehemaliger Seemann, beherrscht sieben Sprachen und ist erst Ansprechpartner für Bowie, wenn der Probleme mit seinem Auto hat, und später Bowies Freund. Trewer besorgt Bowie einen Mercedes Coupé, Bowie schenkt ihm dafür regelmäßig handsignierte Platten. Für Barbara fällt nichts ab, zu schüchtern sei sie gewesen: "Das Herz blieb mir stehen, wenn Bowie in den Laden kam."

Gehütetes Familiengeheimnis

Bei Iggy Pop ist das anders. Wenn er mal die Stadt verlässt, kommt er morgens in den Laden, überreicht Barbara seine Wohnungsschlüssel und bittet sie, während seiner Abwesenheit die Katzen zu füttern. Im Küchenregal das Katzenfutter, auf dem Teppich die Katzenhaare, und es klingt ein wenig so, als sei nicht gänzlich auszuschließen, dass auch Mutter Morath gelegentlich während Iggy Pops Abwesenheit die Möglichkeit zu einem kleinen Kontrollgang ergreift. Jedenfalls erinnert sie sich noch heute am Telefon an eine "etwas dreckige Wohnung".

Ansonsten waren die beiden prominenten Mieter das bestgehütete Geheimnis von Familie Morath, zumindest in der Erinnerung von Rosa Morath und ihrer ältesten Tochter. Schon allein, damit nicht ständig Groupies vor der Tür stehen, "haben wir alle dichtgehalten, bis auf einen Angestellten wusste keiner, wer da wohnt", sagt Janzen. Vielleicht trügt die Erinnerung an dieser Stelle, denn die jüngere Tochter Brigitte kann sich an kein Schweigegelübde erinnern. Im Gegenteil. In der Schule prahlt sie mit den zur Miete wohnenden Rockstars, was jedoch keinen Groupieansturm auslöst. "Und bei mir wohnt Elvis Presley", haben die Klassenkameraden nur geantwortet.