Erst am Freitag hat David Bowie sein 25. Album mit dem Titel Blackstar herausgebracht. Nach seinem Tod veröffentlichen wir an dieser Stelle nochmals die Rezension unseres Autors Fabian Wolff.

"Rock 'n' Roll war immer schon Teufelsmusik, und niemand kann mich vom Gegenteil überzeugen", hat David Bowie 1976 in einem Interview mit dem Rolling Stone gesagt. Ob das nun gut oder schlecht ist, ließ er offen, so wie er damals vieles offen ließ. Inzwischen gibt er keine Interviews mehr, und lebt auch nicht mehr nur von Milch, Paprika und Kokain. Aber das Phantom der "Teufelsmusik" hat ihn nicht verlassen. Auf dem Cover seines 25. Studioalbums Blackstar prangt zum ersten Mal in seiner Karriere etwas anderes als sein Porträt, nämlich ein Pentagramm. Im Alter von 68 Jahren tritt Bowie in den schwarzen Stern und beschwört den Teufel, den Messias, oder beide gleichzeitig.

Vor winterlichem Barock-Pop mit elektronischem Glanz murmelt Bowie – nicht der Bariton-Bowie oder der Halbeunuch-Bowie – seinen Zauberspruch: "in the villa of Ormen stands a solitary candle". Während sich orientalisches Flirren in die Musik mischt, singt er über Hinrichtungen, starrende Augen und kniende Frauen. Dann kündigen Spielzeug-Lasergeräusche und Streicher einen Umbruch an: der Groove fällt zurück, Himmelsmusik ertönt, und Bowie verkündet: "I'm not a gang-star, I'm a blackstar". 

Angeblich soll es in diesem zehnminütigen Eröffnungsstück um den IS gehen, aber eigentlich präsentiert David Bowie hier nur seine Bibelinterpretation. Die erste Hälfte, der Sündenfall, heidnisch aufgeladen. "Ormen" steht in altnordischer Mythologie für die Schlange, und klingt gleichzeitig wie "all men". Die zweite Hälfte, das ist die Ankunft, der Tod und die Wiederkehr des Messias, des Erlösers, des Blackstar.

Kompass, schwarzer Stern, und eine brennende Kerze: wie wunderbar okkult. Bowie tariert Himmel und Hölle neu aus. Mit seinem schönen Eidechsengedicht eignet er sich zum Luzifer genauso wie zum Messias. Der Rest des Albums fällt hinter den Wahnsinn dieser großen kosmischen Tanzmusik zwangsläufig zurück, bleibt aber einladend kalt. Blackstar ist kein zielloses Werk, aber ein suchendes. Auch nach der verlorenen Zeit.

Bowie agiert gerade als eigener Nachlassverwalter. Das neue Album ist aus der Arbeit an einer Bühnenfassung seines Scifi-Films The Man Who Fell To Earth entstanden. In dem Musiktheaterstück werden Songs aus seiner gesamten Schaffensphase neben Neukompositionen präsentiert, die jedoch, wie der Regisseur versichert, "wie Klassiker" klingen. Aber einen echten Klassiker, Album oder Song, hat Bowie seit fast 30 Jahren nicht mehr produziert.

Weg vom Rock 'n' Roll

Das letzte Album The Next Day wurde auch deswegen als Comeback-Album gehandelt, weil es eine Rückkehr zu dem Bowie war, den jeder kennt und liebt, der mit den Glam-Stampfern und Rock-Riffs. Was er in den Neunzigern und frühen nuller Jahren gemacht hat, irgendwas zwischen Art Rock und Dancefloor-Industrial, wird dabei gern ausgeklammert. Bowie selbst schämt sich für diese Phase nicht – höchstens vielleicht für den Kinnbart samt Silberohrring um 1996 – sondern zerrt sie gern zurück ins Licht. Seiner retrospektiven Anthologie von 2014 gab er den trotzigen Titel Nothing has changed, packte das neue Material an den Anfang und ging dann rückwärts. Der erste Song Sue (or In A Season of Crime) findet sich in einer neuen Version auch auf Blackstar.

Die Originalfassung hatte Bowie mit dem Maria Schneider Orchestra eingespielt. Die Jazzband ließ den Song nach großer Bühne klingen, wie von Stephen Sondheim vielleicht, und Bowie hält Schritt, mit leicht gebrochener Stimme. Auch die Blackstar-Version ist, wie das ganze Album, mit Jazzmusikern eingespielt, aber vernebelter, eisiger. Man wolle so weit wie möglich weg vom Rock 'n' Roll, sagte das Produzentengenie Tony Visconti über die Arbeit am Album. Bowie ist als Jazzliebhaber bekannt – Nile Rodgers hat einmal in einem Interview erzählt, dass er bei seinem ersten Treffen mit Bowie für Let's Dance die ganze Nacht über nichts anderes gesprochen hat.