Hat man eine Frage zur Musik, geht man zu Gereon Klug. Unser Autor kennt jedes Album, jede Band, weiß alles über die Songs und vor allem: Er war dabei, als Musikhistorie geschrieben wurde. Jedes Mal. Rätselhaft, aber wahr. In seiner Kolumne "Klug weiß es" offenbart er die großen Geheimnisse der Popgeschichte.

"Was? David Robert! Du kannst doch nicht einfach ein neues Album veröffentlichen! Ohne uns zu fragen! Das geht doch nicht!" Im S. Barrett Geriatric Center Inc., dem New Yorker Seniorenheim für alternde Musiker, kann man die Luft schneiden. Nicht nur, weil sie abgestanden mufft wie alte Zivis unterm Arm. Nein, die Leiterin des Workshops for possibly over-ambitious music, Joni Mitchell (72), ist aus Gründen richtig sauer auf jemanden. 

Gereon Klug arbeitet als Tourmanager (Studio Braun, Rocko Schamoni), Autor (von u.a. dem Deichkind-Hit "Leider geil)" und Erfinder (des ersten essbaren Kochbuchs der Welt). Er betrieb acht Jahre in Göttingen einen Plattenladen und gründete 2007 die Hanseplatte in Hamburg. Seine Newsletter für dieses auf Hamburger Musik spezialisierte Geschäft erschienen als Buch im Verlag Haffmans & Tolkemitt: "Low Fidelity – Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream". © Benjakon

Nämlich auf den dünnen weißen Duke. Den Bewohner, der gern mal aus der Reihe tanzt und sinnige Ehrenkodizes aus "künstlerischen Gründen" stört. Denn eigentlich fragt man hier im Heim erst einmal die anderen Artisten, wenn man noch mal aufs Trapez der großen Musikwelt steigt. Aber dieser David Bowie (68) scheint ja spacey über den Dingen zu stehen. Und hat einfach sein neues Album Blackstar ohne das Einverständnis seiner Mitbewohner angekündigt. 

Dass der Typ mit den unterschiedlichen Augenfarben progressive-blue und weirdo-brown kein einfacher Kandidat für die Residenz in Spazierstocknähe vom Hudson wäre, war eigentlich bereits bei seinem Einzug vor drei Jahren klar. Schon damals kam er mit einem frischen Album um die Ecke – und zog trotzdem bei den Musiker-Senioren ein. Deren Grundregel eigentlich ist, dass man sich aus dem aktiven, produzierenden Popbiz zurückgezogen hat. 

Es war halt ein Platz frei bei Cher (39-69), Donovan (69), Paul Simon (74), Jerry Lee Lewis (80, gefühlte 79), Ray Davies (71) und Grace Slick (76). Auch im Workshop von Joni gibt es genug zu tun, denn der Freigänger Phil Spector (76) kann auch nicht jedes Mal kommen. Manche Klangmauer im öffentlichen Raum erscheint dem ehemaligen Studio-Wizzard heute unüberwindlich.

Das Kamel des Pop

Also was tun mit Bowie und seinem Fauxpas, der Welt da draußen doch wieder ein Album versprochen zu haben? Der Ältestenrat tagt und debattiert: Setzt man ihn nun auf Arme-Ritter-Entzug? Verlegt man ihn zur Strafe zum stark hörgeschädigten Pete Townshend (70), der ihn immer mit "Hahaaa, da kommt das Kamel des Pop!", anschreit, weil er "Chamäleon des Pop" mal falsch verstand? Oder einfach zum Gassigehen mit Iggy (68) verdonnern, der freiwillig in einer Hundehütte etwas abseits der Hauptgebäude tagein, nachtaus bellt und knurrt? 

"Come on, keep calmer. Ich gebe keine Interviews mehr. Ich trete nicht mehr live auf. Ich bringe jedes Jahr dreieinhalb Compilations mit altem, remastertem Kram raus – das könnt Ihr doch nicht aktiv nennen!" Bowies Rechtfertigungen klingen schlüssig, besänftigen die grollenden Kollegen etwas. Eigentlich macht sich der ewige Kopist ja ganz gut, das muss man zugeben. Altert rockstarmäßig solide im Bereich Verwertung und Katalogpflege. Aber müssen denn ständig diese Platten mit neuer Musik sein? Ob er da nicht etwas kürzer treten könne? Ein Scott Walker reiche doch. Sonst wollen seine Neider im Haus bald auch wieder ran, man kenne das. Donovan hat sich neulich schon nach Rick Rubins Nummer erkundigt. 

"Aber Folks, ich bin doch auf einem guten Weg hinab in die richtige Kunst! Noch eine surreale Schippe mehr, noch ein erratische Wendung zusätzlich, noch mehr Kryptodingenskirchen und Meta-Schwurbel, da könnt Ihr ja wohl nicht meckern. Ich bin doch berühmt für mein Nichtsein! Bin doch David, der mit Bowie nix zu tun hat, also quasi David "David Bowie" Bowie, das ist doch mein Ding, wisst Ihr doch! Identitätswechsel, Rollentausch, Häutung, Inkarnation, ich kann alles und nichts, ich bin Dialektiker und Plagiator, Vorreiter und Nachhut in einem, der schattige Visionär, der Extraerdling, ein Hybrid mit Hybris!"