W. Axl Rose, der Mann, dessen Initialen das Wort WAR, also Krieg, ergeben und der mal als der sinisterste Kojote des Rock 'n' Roll galt, erinnert heute an Joey Kelly, als wäre er in Andy Borgs Körper gefangen. Seine Haut ist wächsern wie eine Vanilleduftkerze, Modeschmuck baumelt vor seiner Plauze. Slash hingegen, sein geliebter Feind, ähnelt immer noch auf verblüffende Weise Slash. Nur dass sich eben die Folgen seines ziemlich unvernünftigen Lebensstils mit aller Konsequenz in sein Gesicht graviert haben. Er sieht deshalb nicht aus wie ein fünfzigjähriger, sondern wie ein zweihundertjähriger Slash. Und das immerhin dürfte ein Rekord sein, den selbst Keith Richards nicht mehr wird brechen können.

Die beiden Hauptfiguren der Guns N' Roses wollen nach 23 Jahren wieder gemeinsam auftreten. Rührt die allgemeine Ekstase darüber vielleicht daher, dass die Fans den ältesten Gitarristen aller Zeiten sehen wollen? "It's better to burn out than to fade away", wie Neil Young einmal sang – das spielt im Kalkül der Comebackindustrie ja ohnehin keine Rolle. Die Guns N' Roses sind zurück. Hoffentlich zeigen sie wenigstens nicht ihre nackten Oberkörper.

Welchen Beitrag diese sogenannte Band, die doch vielmehr das Ensemble einer Reality Soap über Suff, Drogen, gescheiterte Beziehungen und im Schritt wesentlich zu enge Jeanshosen war, einmal zur Musikgeschichte geleistet haben mag, daran können sich wohl nur noch die erinnern, denen so langsam die Erinnerung schwindet. Die Lieder von Guns N' Roses, schrieb neulich Spiegel Online, seien recht gut gealtert. Was daran liegt, dass sie nie wirklich jung waren, sondern jahrelang in irgendwelchen Eichenfässern gereift und dann binnen Sekunden heruntergekippt und hervorgerülpst wurden von Männern, die mit ihren Haarsprayhelmen herumliefen wie Statisten aus Mad Max, einer Fata Morgana in der Wüste des schlechten Geschmacks.  

Tränen im Alf-Kissen

Diese Lieder, sie waren entweder während exzessiven Konsums von Jack Daniel's entstanden (Live And Let Die) oder in der depressiven Katerstimmung danach (November Rain) und wurden auf Klassenfahrten zum Playback aus dem tragbaren Kassettenrekorder nachgesungen. Von Jungs, die nicht wussten, wohin mit ihrer Unfähigkeit, sich vernünftig mit Mädchen zu unterhalten, ihrem brennenden Bedürfnis, wenigstens mal gegrüßt zu werden von der süßen Jennifer, und ihrem schlimmen Heimweh nach Mami: "Take me down to the paradise city / where the grass is green and the girls are pretty / Oh, won’t you please take me home." Es roch nach Axe Tropical in diesen Mehrbettzimmern, nach nassen Socken und feuchten Träumen, und wenn der Lehrer reinkam, war Zapfenstreich, und es wurde leise ins Alf-Kissen geweint. 

Die mutigsten Fans der Guns N' Roses trugen Axl Roses Kill-Your-Idols-T-Shirt mit dem Konterfei Christi im Religionsunterricht und riskierten dafür einen Eintrag ins Klassenbuch. Darüber hinaus dürfte es die eine oder andere Schubserei mit Bon-Jovi-Anhängern beim Müllcontainer auf dem Spielplatz gegeben haben – aber sonst?

Als die Band groß war, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, war die Zeit des Aufbruchs und der Revolution, deren Soundtrack der Rock einmal gewesen war, vorbei. Vielleicht war sie das schon gewesen, als der Punk starb, spätestens aber auf den Schaumpartys in den Großraumdiscos, wo Menschen mit Che-Guevara-Aufnähern auf der Jacke zu DJ Bobo tanzten. Kein junger Mensch schwor nach der Lektüre von Jack Kerouacs On The Road mehr dem Lebensweg ab, den der Berufsberater ihm anempfohlen hat. Und mit I Can't Get No Satisfaction von den Rolling Stones, das einmal ein Protestschrei gegen Kommerzialisierung und Reizüberflutung gewesen war, wurde im Jahr 1989 bereits Werbung für Schokoriegel untermalt.