John Cale – M:Fans (Unday Records)

© Unday Records

Man ist seit Bowies posthum dekodiertem Nekrolog Blackstar ja wachsamer, wenn Altstars ein Spätwerk schaffen. Schwingt da etwa ein todgeweihter Hauch von Abschied mit? Bei John Cales Album M:Fans lautet die spontane Antwort: ja. Weil er nochmals fünf Jahre älter ist als der gerade verstorbene Bowie und sein Remake von Music For A New Society selbst vor einer schwarzen Wand verschwände, so seelenwund klingt der enthaltene Trübsinn. Da das Original allerdings schon 1982 vom Weltschmerz des psychischen wie physischen Wracks gezeichnet war, lautet die Antwort am Ende der acht alten und drei unveröffentlichten Tracks doch eher: Jein. Etwa wenn Cale sein totenstilles Einsamkeitsepos If You Were Still Around so bombastisch digitalisiert, dass es fast noch deutlicher zum Suizid ermutigt als damals, zum Finale dasselbe Stück aber mit einer Wave-Injektion wiederbelebt. Schwer zu sagen also, ob M:Fans als vorgezogener Nachruf in eigener Sache dient. Verstörender Artrock von melodramatischer Eleganz für erlesene Geschmäcker ist es in jedem Fall.

 

De Staat – O (Sony)

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Verstörenden Artrock ohne melodramatische Eleganz, aber mit extra viel Pathos spielen Cales entfernt verwandte Erben De Staat. Seit 2007 loten die fünf Holländer um den charismatischen Ex-Solisten Torre Florim die Grenzen von Avantgarde und Pop aus. Erst kürzlich bewies das vielleicht beste Video des Vorjahres Witch Doctor, mit welch imposanter Wucht Theatralik auf Präzision treffen kann, ohne dass die Überlast an Impulsen zum Selbstzweck gerät. Auf der fünften Platte, O, schalten sie die Frequenz ihres militärisch anmutenden Stakkatos im Rammstein-Takt nun um ein paar Stechschritte zurück und werden wieder melodiöser, filigraner. Markenzeichen bleibt eine treibende Energie, die den kybernetischen Drums Marke Eigenbau, mehr noch aber Florims englisch proklamierendem Sprechgesang entspringt. Zu Arrangements, in denen sich hämmernde Vierviertelbeats und vibrierende Varieté-Synths die Hand reichen, entsteht daraus ein Sound, der zuweilen irre klingt, zugleich unentrinnbar fesselnd. Genie und Wahnsinn als Staatssache.

 

theAngelcy – Exit inside (Sony)

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Fern von allem, was ein Begriff wie Staat an Formalismen verkörpert, ist die israelische Folk-Formation theAngelcy. Mit Gitarre, Kontrabass, Klarinette, Viola und zwei Schlagzeugern übertritt sie spielend Grenzen, als sei die Weltgemeinschaft zumindest musikalisch Realität. Dennoch steckt das Sextett aus dem kulturellen Schmelztiegel Tel Aviv im Korsett national gefärbter Klischees. Wie Brasilianern ja gern die Samba unterstellt wird und Georgia der Blues, assoziiert man mit Israel intuitiv Klezmer. Auf dem fabelhaften Debütalbum Exit Inside ist er allerdings eher Accessoire als Substanz, die sich eher aus androgynem Gesang im Stil von Nina Simone speist, mehr aber noch aus der Renovierung traditioneller Klänge. Sozialkritisch betextet spiegeln sie den täglichen Spagat zwischen Furcht und Lebensfreude. Das spricht besonders jungen Israelis aus dem Herzen. Tanz den Terror weg: Angesichts der globalen Großwetterlage ist das auch bei uns eine anschlussfähige Aufforderung.

 

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment)

© Stell Wool Entertainment

Keine Spielart des Pop ist im Weltmaßstab wohlfeiler, massenaffiner, lukrativer als der R'n'B. So gesehen wäre Brandon Anderson Paak nur einer unter Abertausenden, die dem globalen Warenstrom des digitalisierten Soul mit etwas Blues und Hip-Hop ein paar Gefälligkeitsbeats beifügen. Doch so einfach ist es nicht bei Anderson .Paak, wie sich der kalifornische Songwriter auch auf dem zweiten Studioalbum Malibu nennt. Knirschend legt sich seine Stimme über fett produzierte Arrangements, als hätte sie ihm der junge Prince eingeflüstert. Begleitet von Kollegen wie The Game oder ScHoolBoy deklinieren die zugehörigen Raps das Vokabular von Bitch bis Nigga hinreißend selbstironisch durch. Zwischen der kosmopolitischen Lässigkeit von Arrested Development und Outkasts funkigem Mashup taugt Andersons Musik somit ebenso für Dr. Dres halboffiziellen Soundtrack Compton wie zur Meeresrauschenbegleitung am Strand. Die Szene feiert den Newcomer bereits als "brandheiß". Besser träfe es "angenehm mild". Bei diesen Außentemperaturen nicht das Schlechteste.

 

Bonnie Prince Billy – Pond Scum (Domino)

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Zurück auf den staubigen Pfad des Folk. Wie schief es dort bergauf gehen kann, belegt abermals Will Oldham. Ein Singer/Songwriter uralter Schule, den es gar nicht geben dürfte und irgendwie auch gar nicht gibt. Halbglatzig, untersetzt und sonderbar krächzend fügt er dem Country seiner amerikanischen Heimat seit Ewigkeiten die krümmsten Töne des Genres zu. Damit brachte es das Landei aus Kentucky unter verschiedenen Namen in fast 25 Jahren nicht nur zu 30 Platten, sondern der Indie-Weihe schlechthin: sechs Einladungen zu den legendären John-Peel-Sessions. Drei davon wurden nun auf dem neuen Album Pond Scum vereint. Die extrem reduzierte, melodramatische Melange fordert zwar selbst den Hörgewohnheiten einer belastbaren Zielgruppe alles ab. Doch wer sich auf die gitarrenbegleiteten Unmutsbekundungen über ein falsches Leben im Falschen einlässt, versinkt wie in Treibsand. Ein wenig morbide, aber wohlig und warm.

 

Jesu/Sun Kil Moon – Jesu/Sun Kil Moon (Rough Trade)

© Rough Trade

Wenn es allzu wohlig warm wird in den Herzen und Häusern, kann man ruhig mal mit etwas dissonantem Krach gegensteuern. Der Sänger Mark Kozelek und sein Indiefolk-Trio Sun Kil Moon haben sich zu diesem Zweck mit Justin Broadricks experimenteller Rockband Jesu (Wales) zusammengetan. Im Team zeigen sie beispielhaft, wie man trotz grölender Gitarren ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich für ihre Kollaboration zutiefst geerdete, aber zur Katzenmusik bereite Kollegen wie – da ist er wieder – Will Oldham – oder Isaac Brock von Modest Mouse geladen haben. Das Ergebnis verdient eine ganze Reihe präfix-beladener Zuschreibungen: Post-Rap, Post-Punk, Post-Metal, Post-Purismus, Post-alles. Vergleichbar allenfalls den fabelhaften Post-Post-Hip-Hoppern von Listener spricht sich Kozelek auf dem Projektalbum alle Trübsal von der Seele, klingt dabei aber – den Gitarren sei dank – nie larmoyant oder selbstgefällig. Ein tolles Album, um dem Winter ohne Heizstrahler Richtung Frühling zu prügeln.