"Für mich war Pierre Boulez immer ein echter Mann der Zukunft", sagte Daniel Barenboim kurz vor Boulez' 90. Geburtstag in einem Interview. "Wäre er das nicht, würde er die Vergangenheit entweder nicht kennen oder sie interessierte ihn nicht." Zeit seines Lebens entwickelte der Komponist und Dirigent Pierre Boulez bestehende musikalische Konzepte und Formen weiter, war er ein Avantgardist mit Blick für die Wurzeln und damit ein Katalysator für Neuerungen. "Eine Kultur, die nicht mit ihrer Tradition bricht, die stirbt", sagte er einmal.

Boulez wurde am 26. März 1925 in Montbrison als Sohn eines Stahlindustriellen geboren. Er verbrachte seine Kindheit in der örtlichen Jesuitenschule. Der strikte Zeitplan der Erziehungsanstalt gewöhnte ihn an eine eiserne Disziplin, die seine musikalische Arbeit ein Leben lang prägen sollte. Bereits als Junge entwickelte er eine Leidenschaft für die Musik, aber auch für die Wissenschaften – nach dem Schulabschluss begann er zunächst ein Studium der Mathematik in Lyon, bevor er sich Mitte der 1940er schließlich doch am Pariser Konservatorium für Komposition einschrieb. Strenge Logik und ein analytischer Blick blieben seiner Musik jedoch erhalten.

Die Pariser Jahre stellten die Weichen für sein gesamtes Schaffen: Zu seinen Lehrern gehörten René Leibowitz und vor allem Olivier Messiaen, wichtige Vertreter der seriellen Musik, die Arnold Schönbergs und Anton Weberns Zwölftontechnik weiterentwickelten. Für Boulez bedeutete sie einen Aufbruch, mehr und mehr begann er, die bürgerliche Klassik mit ihren festgefahrenen Formen infrage zu stellen. Selbst Schönberg sei "tot", erklärte er. 

Club der Tonangeber

Der junge Komponist wollte einen radikalen Gegenentwurf entwickeln, brach das Studium schließlich ab und entdeckte Anfang der fünfziger Jahre die benachbarte Szene für sich: Durch die Internationale Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt und die Donaueschinger Musiktage war Deutschland mittlerweile zum Zentrum der Neuen Musik geworden. Hier schloss sich Boulez bereits etablierten Kollegen wie Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, Luigi Nono und dem Philosophen Theodor W. Adorno an und sog begierig neue Strömungen und Ideen auf. Die eingeschworene Gruppe galt als Tonangeber ihrer Zunft, wer ihren Ansprüchen an Kompromisslosigkeit nicht genügte, so erzählte es der Komponist Hans Werner Henze einmal, den strafte sie mit Nichtachtung und bissigen Kommentaren.

Im Jahr 1955 wurde Boulez Dozent in Darmstadt, im gleichen Jahr gelang ihm der Durchbruch als Komponist mit der Kantate Le marteau sans maître (Der Hammer ohne Meister). Während er aber hierzulande ideale Bedingungen für seine Arbeit fand, überwarf er sich mit der konventionstreuen französischen Kulturpolitik. Er ließ schließlich sämtliche Aufführungen seiner Werke in seiner Heimat verbieten und zog nach Baden-Baden.

Pierre Boulez' Schritt vom Komponisten zum Dirigenten Mitte der fünfziger Jahre geschah eher aus der Not heraus: Nur wenige Dirigenten waren zu jener Zeit bereit, sich der Neuen Musik zu widmen, und so fehlten Boulez und seinen Kollegen Gelegenheiten, ihre Werke aufführen zu lassen. Als Autodidakt fand Boulez zu seinem reduzierten, klaren, fast unterkühlten Stil. Einen Taktstock, der ihm "wie ein Schwert" vorkam, benutzte er nie. Die expressive große Geste sah man bei ihm ebenso wenig.  

90 Minuten Applaus

Weltweit bekannt und ebenso umstritten war der Dirigent Boulez spätestens, seit er 1976 zu seinem zweiten Bayreuther Gastspiel antrat: Zehn Jahre nach seinem Debüt bei Wieland Wagners Parsifal dirigierte er erneut auf dem Grünen Hügel. Um ihn toste ein Sturm: Nicht nur das Publikum rebellierte mit Flugblättern, Unterschriftenlisten und bloßen Fäusten gegen die Ring-Inszenierung des Filmregisseurs Patrice Chereau, auch das Orchester verweigerte sich der modernen Interpretation durch Boulez, der Wagners Musik zum 100-jährigen Jubiläum der Festspiele vom Pomp befreite und ihr Transparenz und Klarheit verlieh. Weder Chereau noch Boulez ließen sich von den Protesten beeindrucken und am Ende sollten die Modernisierer Recht behalten: Der "Jahrhundert-Ring" leitete auf dem Grünen Hügel die notwendige Zeitenwende ein, seine letzte Aufführung 1980 endete mit 101 Vorhängen und 90 Minuten Applaus.

An Pierre Boulez' Nimbus als einem der wichtigsten Dirigenten seiner Generation gab es da längst keinen Zweifel mehr: Zahlreiche Orchester von Weltrang, wie das BBC Symphony Orchestra in London oder die New Yorker Philharmoniker, machten ihn zu ihrem Leiter. Bei anderen Orchestern, in Wien und Berlin, gastierte er regelmäßig. All diesen Ensembles drückte er seinen Stempel auf. Überall führte er die Neue Musik in die verkrusteten Konzertpläne ein: "Wir sind eine Generation, die völlig von Boulez geprägt wurde", beschrieb Simon Rattle den Einfluss des älteren Kollegen einmal.