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Hinds – Leave Me Alone (PIAS / Cooperative)

Es gibt keine dummen Kühe, nur dumme Musikjournalisten. Hinds sind der Beweis: Die Band aus Madrid – vier junge Frauen, benannt nach der gemeinen Hirschkuh – spielt unvollkommenen Feelgood-Gitarren-Rock, an dem es eigentlich nichts zu rütteln gibt. Es geht um Spaß an der Freude, Bier vor vier, Kopfschmerzen um zehn und die zweieinhalb Akkorde, mit denen man solche Geschichten am besten zusammenhält. Musiker wie Evan Dando und Adam Green pflegen einen ähnlichen Ansatz. Während ihrer Hochphasen verehrte man sie nicht zuletzt deshalb als schlampige Genies.

Auch Hinds klingen etwas wacklig auf den Beinen, aber das G-Wort hat bisher niemand mit ihnen in Verbindung gebracht. Stattdessen schlagen weite Teile der Musikpresse einen onkelhaften Gönnerton an: Man lobt die Grundrisse der vermeintlichen Songskizzen von Hinds, amüsiert sich über ihre chaotischen Konzerte und gibt ihnen gut gemeinte Ratschläge. Leave Me Alone klingt wie die Quittung dafür. Als giftiges Partyalbum zelebriert es seine Unzulänglichkeiten mit angemessenem Trotz: Jeder Schlenker der Gitarren ist ein Ereignis, jedem Text über ungelenke Flirtversuche wohnt eine Herausforderung inne. Lassen Sie dieser Band ihren Spaß. Oder tragen Sie die Konsequenzen.



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Pusha T – King Push – Darkest Before Dawn: The Prelude (G.O.O.D. Music / Def Jam / Universal)

Pusha T ist wahrscheinlich der Lieblingsrapper Ihres Lieblingsrappers. Als Teil des Brüderduos The Clipse aus Virginia gehörte er Ende der neunziger Jahre zu den Ersten, die geschliffene Texte über die Begleitumstände und moralischen Verwickelungen von Drogendeals zur Kunstform erhoben. Niemand verpackte seine Worte sorgfältiger als er: Aus Küchenwaagen, Pulverschnee und Plastikbeuteln kitzelte Pusha T noch die letzte Messerspitze Poesie heraus. Andere Rapper versuchen bis heute, sich die überlegene Kaltblütigkeit seines Vortrags vor dem Badezimmerspiegel anzutrainieren.

King Push – Darkest Before Dawn: The Prelude ist genau, was sein großzügig interpunktierter Titel verspricht: ein gut halbstündiges Teaser-Album, dem im April das bereits mehrmals verschobene Hauptwerk King Push folgen soll. Bis dahin ist Pusha T im Trainingslager. Der 38-Jährige geht Szenarien durch, die er im Schlaf runterrappen könnte, meist aus dem triumphierenden Blickwinkel eines Entkommenen, der sich die Hände nicht mehr schmutzig machen muss. Nahe scheint ihm nur das abschließende Sunshine zu gehen – eine Ballade, mit der Pusha T die Verpulverung von afroamerikanischem Leben in seinem Heimatland beklagt.



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Archy Marshall – A New Place 2 Drown (XL / Beggars / Indigo)

Anderer König, anderer Hip-Hop. Unter dem Namen King Krule erfand Archy Marshall im Sommer 2013 eine neue Art von MC. Im scheinbar mühelosen Wechsel berief sich der damals 19-jährige Londoner auf seine Hip-Hop-Kindheit, auf trotzig-romantische Punk-Gesten und folkige Verwundbarkeit, um Lieder von urbaner Teenage-Langeweile und Revolutionsflausen zu singen. Niemand hatte danach gesucht, aber alle feierten ihn als menschliches Mittelding aus Billy Bragg und Earl Sweatshirt.

A New Place 2 Drown ist eine andere Version von Marshall, ein düsteres Album, das nach Menschenleere im Skatepark klingt. Marshalls Bariton und seine stets unverzerrte E-Gitarre sind nicht mehr prominent zu hören. Stattdessen orientieren sich pappig produzierte Beats am New-York-Rap der frühen neunziger Jahre und dem schummrigen Chopped-&-Screwed-Sound, der wenig später in Houston kultiviert wurde. Als Kind des Internets adaptiert Marshall diese Stile so gekonnt wie zweckdienlich: Mit A New Place 2 Drown liefert er den Soundtrack zu einem Multimediaprojekt, das neben der Musik einen Kunst- und Gedichtband sowie einen Kurzfilm umfasst, die gemeinsam mit Marshalls Bruder Jack entstanden sind.



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Baroness – Purple (Vertigo Berlin / Universal)

Baroness waren so gut wie tot, und das ist keine Übertreibung. Im August 2012 verunglückte die Band aus dem amerikanischen Süden mit ihrem Tourbus, Musiker und Crew trugen teilweise schwere Verletzungen davon. Nach monatelanger Rekonvaleszenz kehrte lediglich eine Rumpfversion der Gruppe zurück, die als beste Band des Sludge-Metal galt, einer sumpfig-schwülen Spielart der harten Gitarren. Zwei Mitglieder hatten Baroness verlassen, ihr Sänger, Gitarrist, Songwriter und Artworkmaler John Baizley stand nun auch noch vor einem metaphorischen Scherbenhaufen.

Das vierte Baroness-Album heißt Purple und ist Zeugnis eines doppelten Heilungsprozesses. Mit Gitarrengaloop, muskulösem Schlagzeug und Baizleys röhrendem Gesang illustriert es die Leistungsfähigkeit gesunder menschlicher Körper. Zugleich hört man, wie auf Purple eine neue Band zusammenwächst: grobschlächtiger noch als vor ihrem Unfall, beweglich wie eine Planierraupe, aber auch so effektiv. Vor ihrem Unfall hatten sich Baroness Richtung Post- und Art-Rock gestreckt. Jetzt kehren sie mit harten, epischen Gitarrenriffs zurück, reduziert auf die Essenz jeder Metal-Band. Alles Weitere sollte sich von selbst wieder einrenken.