Diiv – Is The Is Are (Captured Tracks/Cargo)

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Fans der Rockband Diiv wissen viel über Zachary Cole Smith. Skeptiker wissen zu viel. Für sie ist der Songwriter ein schlecht frisierter Typ mit Popstarfreundin und unstetem Lebenswandel. Seine Inszenierung finden sie ebenso elaboriert wie lächerlich: Trauriger Strich in der Landschaft zieht sich an, als trüge er die Jeans- und Holzfällerhemden eines echten, bärengleichen Holzfällers auf. Smith dient vielen Beobachtern als Prachtexemplar eines schlaffen Brooklyn-Hipsters. Er ist der Sündenbock, auf den man zeigt, wenn es um die ernste Lage der Gitarrenmusik im Jahr 2016 geht.

Das zweite Album von Diiv reagiert auf diesen Umstand, wie der wahnsinnige FC-Bayern-Manndecker Sammy Kuffour früher auf wichtige Fußballspiele reagierte: völlig überambitioniert, aber eigentlich ganz geil. Über 17 Songs und 65 Minuten erstrecken sich Smiths kontrastarme Gitarren-Jangles. Seine Texte handeln vage von Sucht und Schwächlichkeit, bevor sie pflichtschuldig im Mix absaufen. Früher nannte man das Shoegaze und hätte es noch kräftiger durchgeschwurbelt. Heute ist Is The Is Are kein zukunftsträchtiges Rockmodell, aber immerhin eine Platte, an der Diiv-Skeptiker noch lange knabbern werden.

Saul Williams – Martyr Loser King (Caroline/Universal)

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Bei Saul Williams geht sogar Slam Poetry in Ordnung. Der Musiker, Dichter und Schauspieler aus New York steht seit Ende der neunziger Jahre für unumstößliche Wortgewalt und Prinzipien im kunstbeflissenen Hip-Hop. Die Songs, die er auf seinem Debütalbum Amethyst Rock Star über Breakbeats und Gitarren-Samples von Rage Against The Machine rappte, nahmen den Tonfall heutiger Protest-MCs und Black-Lives-Matter-Demos vorweg, stellten aber auch Fragen zu Spiritualität und Systemkritik, die sich nicht auf griffige Slogans zusammenkürzen lassen.

Weil Williams hehre Ziele hat, sind seine Alben auch Dokumente des Scheiterns am eigenen Anspruch. Das fünfte ist keine Ausnahme: Martyr Loser King (sagen Sie es laut, Wortspielalarm!) richtet den Blick von der Straße auf den Bildschirm, stellt Überlegungen an zur möglichen Richtung und Organisation einer Gegenkultur im Internet – und stößt an die Grenzen seiner wohlmeinenden Zeitdiagnostik. Williams' Gedanken über Hacktivismus und oversharing sind ebenso überholt wie der Industrial-Rap, der mit ihnen erklingt. Sein Twitter-Lamento Roach Eggs ist so wutbürgerlich bieder, dass man sich wundert, warum Martyr Loser King kein Tinder-kritisches Bluesrock-Stück enthält.

Prinz Pi – Im Westen nix Neues (Keine Liebe/Groove Attack)

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Andererseits: Verglichen mit Prinz Pi erscheint Saul Williams wie der größte Revolutionär unserer Zeit, Erfinder von Internet, Social Media und kabellosen Kopfhörern. Pi heißt eigentlich Friedrich Kautz und ist neben Casper der erfolgreichste Wehmutsrapper in Deutschland. Seine Musik ist mehr Vergangenheitsfeier als -bewältigung: eine Aneinanderreihung von nostalgischen Beobachtungen und – meist unvorteilhaften – Vergleichen mit der weniger kuscheligen Gegenwart.

Nach einem Dutzend Alben in knapp 20 Jahren heißt Prinz Pis neue Platte Im Westen nix Neues. Das ist als gute Nachricht gemeint. Der Rapper zeigt sich darauf als tadelloser, etwas zu strebsamer Techniker. Sein erstaunlichstes Talent ist jedoch die Fähigkeit zur beinahe vollständigen Ausblendung der Außenwelt. Pi kreist um den eigenen Bauchnabel und inszeniert seine Erkenntnisse zu päpstlich-pathetischer Erbauungsmusik. Das ist ungeheuer brav, aber nur dann wirklich ärgerlich, wenn Schmusebacke Philipp Dittberner den Refrain von 1,40 m singt.

Foxes – All I Need (Sony)

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Die Karriere von Foxes war schon vor dem ersten Album vollendet. Als Gastsängerin auf einem Stück von Deutschlands zweitberühmtester DJ-Hupfdohle Zedd gewann die Musikerin aus dem englischen Süden vor zwei Jahren einen Grammy. Das war ihr Hauptgewinn, denn Foxes ist auf dem Feld der ergebnisorientierten Popmusik tätig. Ihr Schaffen richtet sich nach Zahlen und Auszeichnungen. Sie ist eine Art Spreadsheet-Version von Florence & The Machine. Was könnte also nach dem Grammy noch kommen?

All I Need zum Beispiel, das inzwischen zweite Album von Foxes mit übertrieben ernst gemeinter, rundherum unorigineller Popmusik. Streicher, Klaviere, Chöre und was der Computer sonst noch hergab, erklingen im Namen von Liedern, deren Programm aus der Wahlkampfbroschüre einer wirtschaftsliberalen Splitterpartei stammen könnte: Selbstoptimierung, Eigenverantwortung, Durchhalteparolen. Auch mal feiern, aber nicht zu sehr, bitte schön. Auf Deutsch wäre das Schlager. Den Echo wird aber weiterhin Helene Fischer gewinnen.