LNZNDRF – LNZNDRF (4AD)

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Unser Gehirn verfügt über großartige Autokorrektur-Funktionen. Beispielsweise versteht man ganz ohne Vokale, was die Shirt-Parole FCK CPS von Polizisten hält. Und nicht nur Fans des Genres erkennen in KACRURTOK sogleich KRAUTROCK. Die neue Band LNZNDRF macht's einem da nicht so einfach. Woher sollte man auch wissen, dass sie aus Ben Lanz sowie Bryan und Scott Devendorf besteht, bekannt als Drum & Bass von The National. Wer ihr Projektdebüt hört, könnte meinen, der ewigen Melancholie überdrüssig würden sich die zwei Brüder endlich mal locker machen. Im Rahmen des krautrockig Möglichen sprüht das gleichnamige Album nur vor Übermut, der sich hier in heiteren Fuzzriffs, da in hedonistischem Geschredder äußert. Und während sich wahre KACRURTOKER unterm Einfluss sedierender Substanzen oft im Chaos verirrten, klingen ihre Epigonen nun wohlgeordnet und melodisch klar. Da bedarf es auch keiner Worte – ob sortiert oder nicht.


Cavern of Anti-Matter – void beats/invocation trex (Duophonic)

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"Worüber man nicht singen kann", variierte die Hamburger Schulband Tocotronic 1995 den Wiener Philosophen Wittgenstein, "darüber muss man schweigen". Vielleicht hatten Cavern of Anti-Matter ja dieses Bonmot im Sinn, als sie sich 15 Jahre später so nannten. Weitgehend wortlos wirft das Projekt um den Stereolab-Gitarristen Tim Gane bedeutungsschweren Breitwandrock in einen Hohlraum, der allen Sinn aufsaugt und als Soundtrack ohne Film zur Assoziation wieder freigibt. Für die einen klingt das zehnminütige High-Hats Bring the Hiss demnach, als würde es Sonny Crocketts Ferrari auf Vollspeed durch Miami begleiten, während das halb so lange Blowing my Nose Under Close Observation erklingen könnte, wenn er den Tätern sodann durch sterile Lagerhallen nachspürt. Andere hingegen hören darin eher antiquierten Kriminal-Tango im Gewand der synthetischen Achtziger. Vielleicht sollte man "Anti-Matter" besser mit "auch egal" als "Antimaterie" übersetzen, aber wenn ein Debütalbum ohne feste Genrezuordnung einen so fabelhaft unterhält, ist das locker zu verschmerzen.


Jain – Zanaka (Columbia)

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Mainstream oder Alternative? Original oder Kopie? Inspiration oder Fälschung? Wer sich so wahllos im Referenzsystem des globalen Ethnopop bedient wie eine junge Dame namens Jain, darf sich nicht wundern, wenn er an anderen gemessen wird. In Frankreich schwer gehypt, hüpft sie kieksend zwischen dem trotzigen Furor einer M.I.A. und Katy Perrys geschmeidiger Extravaganz in die globale Disco. Klingt also nicht sonderlich exklusiv, ist aber doch von hinreißender Grandezza – auch und weil die Stimme der Multiinstrumentalistin aus Toulouse so schön nebensächlich daherkommt. So als ginge sie ihr seltsam oberflächliches Gefasel übers Beziehungsallerlei junger Großstädter nur am Rande etwas an. So als sei der begleitende Streifzug durch die Sounds der Welt von Brasilien über den Balkan bis in die Bastelstuben westlicher Metropolen Ablenkung von ihrer eigenen Langeweile. Ist er aber nicht, dafür klingt Zanaka viel zu lebendig.


Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit (Staatsakt)

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Wer wissen will, wie ein tragfähiger Hype ohne Anschein von Verbissenheit gebastelt wird, der muss dieser Tage natürlich nach Berlin schauen. Lektion 1: Schon im Namen Bezug zum Standort herstellen, der den Erfolg garantiert. Lektion 2: Beim Bandfoto trotzdem unbeteiligt dreinblicken, als sei der Erfolg bloß Beifang hauptstädtischer Kreativität. Lektion 3: Stilistisch den Mittelweg zwischen ideologischen (Rio Reiser) und musikalischen (Ja, Panik!) Vorbildern der Gegend entwickeln. Lektion 4: Zur weiteren Einordnung ein Label finden, dass ironisch, nicht albern klingt. So in etwa haben es Isolation Berlin bereits mit der EP Berliner Schule zu hyperlokaler Popularität gebracht, die vom Albumdebüt Und aus den Wolken tropft die Zeit nun überregional erweitert werden soll. Wird. Und darf. Wenn der Sänger, Gitarrist, Songwriter Tobias mit der zillehaften Anrede Bamborschke zur Rückkopplungswut seiner drei Freunde Ich will, dass ihr mich liebt / und auch die ganze Welt brüllt, mag das nämlich berechnend klingen. Klingt die Berechnung des Underground allerdings so sperrig und schief, ist das schon okay.


Eule findet den Beat – Auf Europatour (Universal)

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Ein Maximum an Berechnung oberhalb von Gangsterrap erreicht bekanntlich Schlager. Exakt auf repetitive Mechanismen baugleicher Interpreten zugeschrieben, kann ein einzelner Soundadministrator am Rechner Tausende von Hits landen. Fragt sich nur: Muss man die Jugend nicht früh vor so viel Kalkül schützen? Ja, muss man. Aber konfrontativ. Wie Eule findet den Beat. Das Musiktheater aus Hamburg erklärt Kindern die Genres des Pop in musikalisch begleiteten Hörspielen; nun legt das Partyorchester sein zweites Album vor und beginnt die Reise durch Europas Klänge im deutschen Schlagerhimmel. Denn dort, singt die Band im Seifentimbre, seien nicht nur alle Ecken rund, sondern die grauesten Wolken bunt. Das ist so lehrreich wie entlarvend und auf kritische Art unterhaltsam. Zumal im Anschluss auch die regionale Folklore von Frankreich über Irland bis Schweden ihr Fett wegkriegt, ohne verächtlich gemacht zu werden. Damit der Nachwuchs irgendwann mal empfänglich ist für vertracktere Töne, ist so ein Crashkurs überaus heilsam. Also: Eule an, Radio aus, so schaffen's auch Eltern schmerzfreier durch die Pubertät ihrer Kleinen.