Jack Garratt, Jahrgang 1991, immer mit Kappe und Bart © Universal

Jack Garratt ist die größte Hoffnung des englischen Popbetriebs. Diesen Titel hält er quasi offiziell, seit eine Jury der BBC den 24-jährigen Wahllondoner auf den ersten Platz ihrer "Sound Of 2016"-Rangliste gesetzt hat. Ziel dieser Liste ist es seit jeher, einen Kompromiss aus kommerziellen Erfolgsaussichten und künstlerischer Vertretbarkeit herzustellen: Man möchte voraussagen, wer besonders viele Platten verkaufen wird, ohne sich mit der darauf enthaltenen Musik zu blamieren.

Garratt ist wie gemacht für so eine Liste. Natürlich gibt es allein im Londoner Osten und Süden dutzende Grime-MCs und -Produzenten, deren Musik mehr über den zerschlissenen Zustand der englischen Gesellschaft erzählt. Diese Künstler prägen den wahren Sound Of 2016. Aber darum geht es nicht. Garratt ist die Nummer eins, gerade weil er aus einer Welt berichtet, in der zwischenmenschliche Zerwürfnisse die größten denkbaren Unruheherde sind. Sie macht Schluss, er singt ein Lied und dann ist es wieder gut.

Dabei ist vollkommen unerheblich, wie Garratts Wiedergutmachungslieder klingen. Man kann sich einen Straßenmusiker vorstellen, der Songs von Ed Sheeran mit Effekten aus einer aussortierten Trickkiste von James Blake überzieht. Man kann das aber auch gleich wieder vergessen. Wichtiger als der Sound ist die Verträglichkeit. Garratt ist auf beruhigende, streckenweise sogar angenehme Art langweilig. Er kommt aus gutem Haus. Er gibt sich Mühe. Er geht immer. Ist der Kerl mit Mumford & Sons befreundet? Natürlich ist der Kerl mit Mumford & Sons befreundet.

Lieber niemandem den Tag versauen

Für Phase, das erste Album von Jack Garratt, ist das keineswegs nebensächlich. Es ist symptomatisch, genau wie der Bart und das Basecap, die eine Profilansicht des Künstlers auf dem Cover der Platte behindern. Popmusik ist immer auch eine Stilfrage, und Garratts Stil ist der des kleinsten gemeinsamen Nenners. Er sieht aus wie seine Zuhörer und schneidet seine Songs auf die Sorgen zu, die er in ihrem Alltag aufzuspüren glaubt. Nach dem Motto: Wer heute schon sein Ladekabel vergessen hat oder vom Skateboard gefallen ist, dem muss ich nicht auch noch mit Liedern über echte Probleme den Tag versauen.

Es wird also nichts dem Zufall überlassen. Aller anvisierten Publikumsnähe zum Trotz bietet Garratt keine Projektionsfläche an. In seinen Liedern gibt es nichts, was man sich selbst dazudenken könnte oder dazudichten müsste. Phase macht den größten Popfehler überhaupt: Es verrät alles über sich. Und dann scheint Garratt auch noch zu glauben, dass diese Offenheit seine wichtigste Eigenschaft ist. Der vollständige Verzicht auf Geheimnisse wird zu seinem Erfolgsgeheimnis.

Ärgerlich ist weniger, dass diese Rechnung aufgehen wird – nicht nur die BBC spielt Garratts Singles bereits in pflichtschuldiger Endlosschleife. Ärgerlich ist das überholte Verständnis von Aufrichtigkeit und Authentizität, das Garratt für seine Musik beansprucht. Die Instrumente auf Phase hat er selbst gespielt, die Maschinen selbst bedient, die Gefühle alle selbst gefühlt. Maximale Echtheit ist für ihn keine wertfreie Eigenschaft seines Schaffens. Maximale Echtheit ist ein Qualitätsmerkmal.

Schreddergitarre war gestern

Etwas zu echt findet Garratt lediglich seine eigene Vergangenheit. Lange bevor ihn eine große Plattenfirma unter Vertrag nahm, studierte er auf Lehramt und war abends im Auftrag der geschredderten Gitarre unterwegs. Von seinen schweißtriefenden Auftritten als Ein-Mann-Bluesrock-Kommando distanziert sich Garratt heute, indem er auf eine neu entdeckte künstlerische Integrität verweist. Phase soll davon Zeugnis ablegen.

Wie kann man Popmusik nur so falsch verstehen und gleichzeitig zu ihrem größten Hoffnungsträger werden? Wahrscheinlich, weil es egal ist. Niemand hört Jack Garratt, um herausgefordert, geärgert oder übers Ohr gehauen zu werden. Garratt hört man, um nicht gestört zu werden. Seinen sicherlich bevorstehenden Erfolg verdient der Musiker deshalb noch lange nicht. Zumindest seine Gefolgschaft bekommt aber genau das Album von ihm, das sie verdient.

"Phase" von Jack Garratt ist erschienen bei Island/Universal.