Kanye West im Madison Square Garden während der Präsentation seiner Kollektion von Mode und Musik © Dimitrios Kambouris/Getty Images

Vor fünf Tagen wollte Kanye West die Weltpremiere seines siebten Albums und seiner dritten Modekollektion in einem Rutsch feiern. Dutzende Models waren in die bekannteste Sporthalle der Welt gekarrt worden, zahlreiche Verwandte, Berühmtheiten und verwandte Berühmtheiten gekommen. Ganz zu schweigen von Tausenden Fans, die das Ereignis vor Ort, in Kinos überall auf der Welt oder am Computer verfolgten. Es gab nur ein Problem: Das Album war nicht fertig geworden. Als West seinen Laptop mit dem Soundsystem des New Yorker Madison Square Garden verband, erklang lediglich eine Rumpfversion seiner neuen Platte The Life Of Pablo.

Nicht, dass das jemanden gejuckt hätte. Vor lauter Live-Tickern, Twitter-Updates und Instagram-Uploads zu Gästelisten, Pelzmantelausstattung und Verstößen gegen das Rauchverbot in geschlossenen Räumen, wäre West beinahe mit seinem bisher größten Coup davongekommen: einer pompös aufgedonnerten, zwischen Haute Couture und Trashkultur angesiedelten, ganz und gar Kanye-West-artigen Albumveröffentlichungsparty – an deren Ende gar kein Album erschien.

Fast schon widerständig, dass nach der Show nicht die Platte verkauft, sondern die Arbeit daran fortgesetzt wurde. The Life Of Pablo müsse noch gemastert werden, richtete West aus. Dann kam auf Druck eines Mitmusikers ein neuer Song hinzu, dann noch vier weitere. Seit Sonntagmorgen kann man das Album nun über Tidal streamen, aber fertig ist es noch immer nicht. Stattdessen hört man 18 zerschossene Stücke, die ihren Zwischenstandscharakter keinesfalls verbergen wollen. West verknüpft Gospel, Rap und R 'n' B nicht zum Gesamtkunstwerk, sondern durch provokant-unsaubere Übergänge zum Provisorium. Ein guter Gag: Die meisterwartete Hip-Hop-Platte des Jahres klingt wie ein hingeworfenes Mixtape.

Das Album als Endgegner

Kanye West ist ein endlos ehrgeiziger Himmelsstürmer. Er musste Popmusiker werden, weil Popmusik davon handelt, das Unmögliche möglich zu machen. Sie hängt von den Launen der Künstler ab, von spontanen Eingebungen, Zufällen und unverbesserten Fehlern. Die Königsdisziplin der Popmusik – und der Endgegner jedes Popmusikers – ist nach wie vor das Album. Künstler wollen Alben aufnehmen, Plattenfirmen wollen Alben herausbringen, allen technologischen Entwicklungen und veränderten Hörgewohnheiten zum Trotz. Der Trick war dabei bisher, eine Reihe von Schnappschüssen hintereinanderzustellen und diese für endgültig zu erklären.

West macht es anders mit The Life Of Pablo. Selten war die Platte eines musikalischen Großunternehmers so sehr work in progress. Das zeigt einerseits der Eiertanz der vergangenen Wochen mit immer neuen Albumtiteln, Tracklistings, Coverartworks und zusehends vollgekritzelten Notizzetteln, die Aufschluss gaben über die beteiligten Kollaborateure. Das zeigen andererseits aber auch die Lieder in ihrer zusammengestückelten Vielstimmigkeit. Songschnipsel des Art-Pop-Weirdos Arthur Russell stehen neben den gewohnten Soul-Samples. Bibelverse neben Analsexgeschichten. Hermès neben Herzogenaurach. The Life Of Pablo beginnt mit einem Gospel, das sich über die unergründlichen Wege des Herrn beschwert.

Stänkern und entschädigen

Mehr denn je hört man, dass Kanye West alles andere als ein Solokünstler ist. Stattdessen stellte er eine Taskforce aus angesagten Produzenten wie dem Schotten Hudson Mohawke und bewährten Problemlösern wie OutKasts André Benjamin zusammen, um The Life Of Pablo in zahllosen, teils parallel verlaufenden Sessions zu erarbeiten. West ist nicht Dirigent dieser Sessions, sondern Kurator ihrer Ergebnisse. Wer nicht zum allerengsten Zirkel gehört, erfährt erst bei Erscheinen des Albums, ob es die eigenen Beiträge durch die Abnahme geschafft haben.

Diese Bewegungsfreiheit nimmt sich West nicht nur heraus, weil er es kann. Sie ist elementar für seine Musik, die auch in den besten Momenten von The Life Of Pablo wieder zeigt, warum er als waghalsigster Popstar unserer Zeit gilt. West ist Bürgerrechtler und Kommentarspaltentroll im selben Song. Er stänkert ungelenk und unfassbar gehässig gegen seine Ex-Freundinnen und den Ex-Freund seiner Frau. Über diverse Pablos (Picasso, Neruda, Escobar) landet er bei Apostel Paulus als letztem denkbaren Vorbild und entschädigt den Hörer am Ende des Albums für jede Entgleisung, wenn sich Fade mit drei House- und Blues-Samples durch die Musikgeschichte seiner Geburtsstadt Chicago zitiert.