Dass sich das Internet schnell und leidenschaftlich auf eine Seite schlägt, ist keine Sensation. Selbstverständlich dauerte es nach dem Gerichtsurteil am Freitagvormittag New Yorker Zeit nur Minuten, bis der #FreeKesha-Hashtag die sozialen Medien flutete. Auch die ersten journalistischen Kommentatoren konnten es nicht fassen, dass die amerikanische Popsängerin Kesha Rose Sebert vertraglich gezwungen werden sollte, weiterhin mit ihrem angeblichen Vergewaltiger, dem Produzenten Dr. Luke, zusammenzuarbeiten. Dann folgten die Reaktionen der Musikerkollegen. "Ich bewundere deinen Mut", twitterte Lady Gaga. "Ich halte in diesen traumatischen, zutiefst unfairen Zeiten zu Kesha", schrieb Lorde. Und die Indie-Band Best Coast fasste zusammen: "Echter Bullshit."

Diese Empörungsmechanik kennt man. Wenn es etwas gibt, worüber man sich aufregen kann, dann regen sich auch alle auf und online sitzt der Schalter am lockersten. Neu ist aber bei einem so komplexen Thema wie Vergewaltigungsvorwürfen, wie deutlich die Wut für eine Seite Partei ergreift. Normalerweise läuft es so wie nach der Silvesternacht in Köln, als aus einer Diskussion über sexuelle Übergriffe und öffentliche Sicherheit eine Debatte über Rassismus wurde, in der konservative Politiker, Altfeministinnen und aufgeklärte Nachwuchsmänner durcheinanderschrien, bis man die begrapschten und bestohlenen Frauen nicht mehr hörte. Dieses gesellschaftliche Klima, das sexualisierte Gewalt nicht nur duldet, sondern sich im Zweifel lieber auf die Seite der Täter stellt, nennt man Rape Culture: Vergewaltigungskultur.

Lange verschwieg sie die sexuellen Übergriffe

Auch Kesha Rose Sebert hätte leicht ein Opfer dieser Unkultur werden können. Mit 17 zog die Sängerin, die heute 28 ist, von Nashville nach Los Angeles, um Karriere als Musikerin zu machen. Lukasz Gottwald, der sich als Produzent Dr. Luke nennt, nahm sie für sein Label Kemosabe unter Vertrag, das zu Sony gehört. Er sorgte dafür, dass Kesha Sebert in Songs von Katy Perry, Britney Spears und Flo Rida singen durfte. 2010 veröffentlichte sie ihr Debütalbum Animal, Platinstatus. Die Single TiK ToK läuft seitdem auf jeder Pop-Party. 2012 folgte das zweite Album Warrior, bis heute ihr letztes. Schon damals beklagte Kesha, Dr. Luke schränke ihre künstlerische Freiheit ein, lasse sie keine eigenen Songs schreiben und nichts außerhalb seines Labels veröffentlichen, nicht einmal ohne daran zu verdienen.

Dass seine Übergriffe noch viel weiterreichten, verschwieg Sebert zu diesem Zeitpunkt, aus Angst, wie sie heute sagt. Erst als sie sich Anfang 2014 wegen Bulimie in eine Klinik einweisen ließ, erklärte sie nach und nach die Hintergründe ihrer psychischen Erkrankung: Gottwald habe sie wiederholt unter Drogen gesetzt, um sich an ihr zu vergehen. Er habe sie über zehn Jahre hinweg belästigt, vergewaltigt und unter Druck gesetzt. Als er die Bulimiekranke zum Abnehmen anhielt und ihren Körperbau mit einem Kühlschrank verglich, floh sie schließlich in die Klinik.

Zu diesem Zeitpunkt sei ihre Krankheit so weit fortgeschritten gewesen, dass es um Leben und Tod ging. Nach Abschluss der stationären Behandlung reichte sie im Herbst 2014 Klage gegen Gottwald ein. Ohne Videoaufnahmen, ohne DNA-Beweise, ohne Augenzeugen. Am Freitag nun lehnte nun der New York Supreme Court eine vorläufige Verfügung ab, die Kesha schon vor Ende des Hauptverfahrens erlaubt hätte, Musik unabhängig von  Dr. Luke, Kemosabe oder Sony aufzunehmen. Der Vertrag, der noch sechs weitere Alben von ihr fordert, sei schließlich "ausführlich ausgehandelt und industrietypisch", beschied die Richterin Shirley Konreich. Es sei der Künstlerin möglich, auch mit anderen Produzenten zusammenzuarbeiten, solange das Ergebnis über Kemosabe erscheine.