Macklemore & Ryan Lewis: This Unruly Mess I've Made (Warner)

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Eine Weile lang war Macklemore ja ganz sympathisch, weil er selbst wusste, dass über seinen faden Pop-Rap niemand reden würde, wenn er nicht weiß wäre. Aber diese Bescheidenheit hat sich dann entlarvt: Im Acht-Minuten-Track White Privilege II erzählt er, wie schlimm es ist, dass schwarze Stimmen zum Schweigen gebracht werden und zeigt lediglich, dass selbst weiße Privilegien-Selbstkritik noch ein Privileg ist.

Auf seinem zweiten Album ist Macklemore aber vor allem introspektiv: Er reflektiert über seine Nacht bei den Grammys, seine musikalische Sozialisierung und seine ungesunde Ernährung, alles mit der gleichen süßlichen "Ich bin einer von euch!"-Pose. Der Produzent Ryan Lewis schmeißt dazu Gospel-Piano und Neunziger-Drums zusammen und hat auch offensichtlich das Werk von Chance the Rapper studiert, dessen Auftritt dem Projekt wohl credibility verleihen soll.

Von einem Feature von KRS-One zu einer von Ed Sheeran gesungenen Hook: Das ist keine zynische Kalkulation, das ist Macklemores Ästhetik. Allen gefallen, aber vor allem denen, die keinen Hip-Hop mögen. Nicht weiter schlimm, wenn Macklemore das nicht als deepe Kunst verkaufen würde: This Unruly Mess I've Made heißt das Album, das ordentlicher nicht sein könnte. Dabei wäre Sarah Hagis Slogan "Oh Herr, gib mir das Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen weißen Mannes" auch ein schöner Titel gewesen.


Steve Mason: Meet the Humans (Double Six)

© Double Six

Die Beta Band aus Schottland hatte einfach Pech. Die Gruppe um Steve Mason war zu spät dran, um von der Britpopwelle mitgespült zu werden und zu früh, um einen Platz in der kurzlebigen Folktronica-Nische zu finden. Ihr Potenzial – Radiohead mit menschlichem Antlitz – konnte sie nie erfüllen.

Nach der Auflösung musste Mason auf dem Bau arbeiten, verlor sich in kleineren Projekten und kämpfte mit Depressionen. Nach dem sehr einsamen Monkey Minds in the Devil's Time ist das neue Album Meet the Humans eine Rückkehr in die Welt und unter Menschen. Die sind, so stellt er fest, genauso verwirrt und wütend wie er.

Mason hat sein Herz an Pop-Geplinker und etwas ungelenke Grooves, an Maracas und Akustikgitarren verloren. Hip-Hop-Anklänge bleiben vage. Das ganze Album ist freundlich verzerrt. Trotz der verschobenen emotionalen Temperatur werden sich Fans der Beta Band sofort wie zu Hause fühlen. Was ja auch nur eine höfliche Umschreibung dafür ist, dass nicht viel passiert ist.


Sarah Neufeld: The Ridge (SN Music)

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Die Violinistin Sarah Neufeld arbeitet oft mit Arcade Fire zusammen, der Band mit dem vielleicht unangenehmsten Banalgesang der vergangenen 15 Jahre, aber auf ihrem neuen Album wird fast gar nicht gesungen. Wie schön. Ab und an gibt es ein paar ätherische "Oooohs" und zweimal sogar Textzeilen, aber die sind schnell wieder vergessen.

Im Zentrum steht Neufelds Instrument, das sie von Folkmelodien über cale'sches Geschrammel zu nervösen Etüden prügelt und kost. Dabei wird sie von Schlagzeug und manchmal Klavier und Harmonium begleitet.

Ist es wichtig, ob das Neoklassik oder doch Streicher-Ambient ist? Das Album enthält nicht präzise gespielte Kompositionen, sondern durchaus suchende – vielleicht sogar: jammige – Songs. Es geht nicht um eine intellektuelle Ausmessung der Möglichkeiten von Ton und Klangraum, sondern um Atmosphäre und eine Stimmung, auch eine emotionale Wirkung.

Anders gesagt: Wiederholung macht noch keine Avantgarde. Zwischendurch läuft das Album sogar Gefahr, im Indie-Morast zu versinken. Etwas Gefälliges bleibt: Nach dem sehr reduzierten Debüt geht Neufeld hier ein bisschen zu sehr auf ihre Hörer zu.


Raleigh Ritchie: You're A Man Now, Boy (Columbia)

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Immerhin der Titel ist interessant: You're a Man Now, Boy bringt den Grundkonflikt des Debütalbums von Raleigh Ritchie (eigentlich: Jacob Anderson) auf einen Satz. Zwischen extremem Selbstbewusstsein (The Greatest) und Selbstmitleid (Young & Stupid) schwankt der Musiker und Schauspieler (eine der vielen Figuren aus Game of Thrones, deren Namen man sich nicht merken kann) aus England, mit einer ordentlichen Portion manpain. Das bildet das Lebensgefühl seiner Generation perfekt ab – wie es viele vor ihm schon getan haben.

So wankelmütig Ritchie ist, so gleichförmig sind seine professionell produzierten Song. Jeder Track beginnt mit ein paar einladenden Klaviertakten, einer Synth-Harmonie oder Streichern und fährt dann nach mindestens fünfzig Sekunden die große Orchesternummer auf. Schlecht ist das alles nicht, und die Referenzen an innovativere Kollegen wie King Krule und James Blake sind nicht nur zynische Marktorientierung. Am Ende muss aber immer ein affirmatives "Ich bin toll, ich schaffe das!" stehen, der perfekte Soundtrack für einen gesponserten Hochglanz-Clip auf YouTube über irgendjemanden, der irgendetwas schafft. Dabei ist Ritchie dann am besten, wenn er angenehm unmetaphorisch in den eigenen Wunden bohrt.