Melissa Arnette "Missy" Elliott, geboren 1971 im US-Bundesstaat Virginia © Warner Music

Ohne Frischhaltefolie wäre Popmusik undenkbar. Missy Elliott beweist das seit 25 Jahren: Die Rapperin, Sängerin, Songwriterin und Produzentin aus Virginia ist bis heute relevant, weil sie sich auch als Verpackungskünstlerin versteht. Nie ging es Elliott nur um Musik. Die Farbe ihres Frottee-Pyjamas, die Tanzschritte im Video, sogar das Timing einer Veröffentlichung – all das war immer genauso wichtig wie der Song selbst. Natürlich behielt man Get Ur Freak On wegen seines drängelnden Bongo-Beats in Erinnerung. Erst die perfekte Verpackung machte es aber zur prägenden Rap-Single der Jahrtausendwende.

Obwohl sie aufgrund einer Autoimmunerkrankung seit 2005 kein neues Album veröffentlicht hat, ist Elliotts Einfluss noch immer allgegenwärtig. Als Drake im vergangenen Herbst durch das Video zu seinem Song Hotline Bling stolperte, steckte in den ungelenken Bewegungen des Rappers auf Kuschelentzug auch eine Verbeugung vor Missy Elliotts Musikvideotänzen der späten neunziger und frühen nuller Jahre. Von Kanye West ganz zu schweigen: Seine Inszenierung als menschliches Wimmelbuch wäre ohne ihre Pionierarbeit auf den Feldern des Größenwahnsinnigen und Surrealen nicht vorstellbar.

Während Elliott mit gewohnt makellos abgestimmten Singles, Videos und Superbowl-Werbespots derzeit ihr Comeback vorantreibt, ist eine andere Verpackungskünstlerin schon in Position gegangen. Auf dem Cover ihres dritten Albums 99c sieht man Santi White alias Santigold frisch eingeschweißt zwischen unverzichtbaren Habseligkeiten wie Keyboard, Handtasche und goldenen Sanitätshausschlappen. Die Musikerin aus Philadelphia denkt Elliotts Credo der Verquickung von Inhalt und Verpackung noch einen Schritt weiter: Bei ihr ist die Hülle das eigentliche Kunstwerk.

Santigolds Erfolg war nicht zu verhindern

Vor vier Jahren gelang White mit Master Of My Make-Believe ein unwahrscheinliches Erfolgsalbum. Die sperrige Platte gefiel sich in Hitlosigkeit und anderen Verweigerungsgesten, konnte Santigolds Durchbruch jedoch nicht verhindern. White gestaltete daraufhin Socken, schauspielerte gelegentlich und dachte über Strategien gegen die Vereinnahmung ihrer Musik durch den Mainstream nach. Nun veröffentlicht sie ein Album, das seinen Plastik-Pop-Charakter regelrecht in die Hörer hineinzuprügeln versucht.

Bedenkt man Whites Sozialisierung im Sinne des Punk, klingt 99c wie die fröhlichste Kapitulation aller Zeiten. Der Titel des Albums erinnert an den Einstiegsdrogenpreis, den gängige Musikportale lange Zeit für einen Download berechneten. Die Songs darauf komponierte White als Gute-Laune-Zombies, voll bis zum Anschlag mit Cheerleader-Chants, Four-to-the-Floor-Momenten und Call-and-Response-Gesang. Pop, Rock, Soul – alles drauf, immer dufte drauf. Wer 99c beiläufig hört, könnte es für hirntot halten.

Wer es hingegen aufmerksam hört, wird es ganz bestimmt für hirntot halten und darin ein gewagtes Experiment erkennen. Santigold erklärt sich zum Produkt, zur Verpackung ohne Inhalt. Diese Behauptung ist jedoch selbst eine Mogelpackung: Tatsächlich steht 99c im Zeichen einer Kritik an Konsumübermaß und Kunstverramschung, die vor dem Hintergrund seiner blutleeren Songs umso ätzender wirkt. Can’t Get Enough Of Myself findet sich selbst so geil und eiert doch so orientierungslos im Kreis, dass nicht mehr sicher ist, ob White hier den Zynismus des Popgeschäfts vorführt – oder einfach zynisch ist. Sie hat das Stück jedenfalls als Eröffnungssong und erste Single des Albums auserkoren.