Wir sind wir, und du aber auch: AnnenMayKantereit aus Köln. © Fabien J. Raclet

Wenn alles so einfach wäre, wie AnnenMayKantereit sagen, dann hätte man den Drops schnell zu Ende gelutscht. Die junge Jungsband aus Köln ist gerade überall, sie bewirbt ihr erstes Album, gibt deshalb sehr viele Interviews und sagt in fast jedem sinngemäß: "Sorry Leute, wir sind einfach nur wir selbst." Das ist ihre ultimative Tautologie, ihre Wahrheit, die immer wahr ist. Und darauf könnte man antworten: "Sorry Leute, ihr seid aber schnurzpiepige Langweiler." Alle wären bedient und könnten heute einmal früher nach Hause gehen.

Tatsächlich ist die Lage verzwickter. Es gibt Tausende Menschen, die AnnenMayKantereit schon für eine rockmusikalische Ersatzreligion hielten, als die Band noch gar keinen Plattenvertrag unterschrieben hatte. Diese Menschen warfen Geld in einen Gitarrenkoffer, den die Musikfreunde Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit in Kölner Fußgängerzonen vor sich abstellten. Diese Leute sangen Songs mit, die AnnenMayKantereit auf den nächstgrößeren Konzerten spielten – obwohl man die Lieder nur von selbst produzierten Kleinstauflagen-CDs kennen konnte. Und jetzt werden sie Alles nix Konkretes kaufen, das Debütalbum der Band, die einfach nur sie selbst ist.

Konkret bedeutet das: Einer spielt kapitänsmäßig Klavier, einer unauffällig Gitarre, und die Rhythmusgruppe – inzwischen erweitert um den Bassisten Malte Huck – versucht, nicht im Weg zu stehen. AnnenMayKantereit erinnern an die Beatsteaks, obwohl sie nicht wie die Beatsteaks klingen. Mit den Urgesteinen des Berliner Punk-Establishments teilen sie sich den Wumms und das Bummsfallera, eine gewisse Grobschlächtigkeit, die auf Festivals immer geht. Ihr Sänger Henning May singt auch so reibeisern wie der Typ von den Beatsteaks, und seine Texte sind genauso schlecht, nur auf Deutsch. Man erwartet ein Top-fünf-Album von AnnenMayKantereit, vielleicht sogar Top eins.

Ein Leben zwischen "passt schon" und "weiter geht's"

Das sind große Ziele für eine Band der kleinen Träume. Einmal gibt es Trompete und Posaune auf Alles nix Konkretes, und einmal Mundharmonika, sonst nichts Konkretes, das den üblichen Rockmusikrahmen sprengen würde. May erzählt gluckernd von Bier und Wein und Mitbewohnern, er bringt "gemeinsam einsam" als Schlagreim, reimt außerdem "wohn'n" auf "Balkon" und "Brötchen hol'n". Im Stück Pocahontas wiederholt er zehnmal den Namen Pocahontas, dazu erklingt Mumford-&-Sons-Musik. Es tue ihm leid, singt May noch, und das sollte es auch.

Immer wieder geht es auf Alles nix Konkretes um Bewegung, um Umzüge, Fernbeziehungen und lange Busfahrten. Erste Kritiker hatten deshalb schnell die Annahme zur Hand, AnnenMayKantereit seien harmlose junge Menschen, die Musik für andere harmlose junge Menschen machen. Eine Band für die Nachfahren der Generation Y, die genauso desinteressiert und unpolitisch sind wie ihre Wegbereiter, sich aber nicht mehr dafür schämen. Ist Alles nix Konkretes das Album, das diese Leute verdient haben?

Der Gedanke ist erst einmal befremdlich. Bevor man AnnenMayKantereit mit irgendeiner Form von Jugend in Verbindung bringen möchte, will man sich lieber vorstellen, so alt und verstockt zu sein, dass die Band tatsächlich zu einem sprechen könnte. Aber da tut sich nichts. Aller Bewegung zum Trotz verbreitet Alles nix Konkretes keinerlei Aufbruchsstimmung. Der Rock von AnnenMayKantereit kennt keine Risiken, das Weltbild der Musiker pendelt sich ein zwischen "passt schon" und "weiter geht's".