"Was? Was ist denn? Was. Willst. Du. Denn. Von mir?" Hochgradige Genervtheit; die Beziehung hat jene Phase der Zerrüttung erreicht, in der eine nicht zugeschraubte Zahnpastatube längst wieder egal ist, weil schon das bloße Atmen des anderen Wut auslöst und Verzweiflung über die eigene idiotische Wut.

Ursprünglich enthielt der Song Szene einer Ehe mehr Text, aber beim Proben merkte die Gruppe Gewalt, dass das Drama der Zweisamkeit bei größtmöglicher Reduktion am eindringlichsten ist.

Vier Minuten lang brüllen Gitarren und Bass funky bohrende Mantras. Zweimal stoppen sie abrupt. Während nur noch die Drum-Maschine böse zischt und rattert, öffnet sich akustisch die große sinnlose Leere der Existenz. In dieses Nichts hinein schreit Patrick Wagner seine "Was willst du?"-Fragen. Es sind rhetorische Fragen. Kein Gott, kein Ich, kein Liebespartner weiß die Antwort. 

Der gefallene Held der Independent-Szene

Szene einer Ehe erscheint am 1. April als erste Single von Gewalt bei dem kleinen Kölner Label In a Car/Slowboy auf Vinyl. Die zweite Seite enthält ein Hasslied über die mythische Pandora, die in ihrer Geschenkbüchse alle Plagen des Lebens zu den Menschen brachte. "Unser Blick geht zurück / Unsere Schönheit ist auf der Flucht / Pandora, du Bitch / für uns ein Haufen Nichts / Arbeit, Krankheit, Tod." Die Aufnahme klingt, als hätten die Musiker sie regelrecht in den Rekorder hineingeprügelt. Im Video zu Pandora robben sie wie Pilger in einem Bußritual über die deprimierend hässliche Betonpiazza vor der Berliner Gemäldegalerie. Patrick Wagner, der gefallene Held der deutschen Independent-Musikszene, kriecht demütig im Staub.

Wagners frühere Band Surrogat, die mit den Alben Rock und Hell in Hell ihre größte Bekanntheit erreichte, war um die Jahrtausendwende ein Aufregerthema. Die Epoche war noch vom sogenannten Diskursrock der neunziger Jahre geprägt. Tocotronic und die Goldenen Zitronen prüften jede musikalische Geste und jedes Wort auf politisch-emanzipatorische Tauglichkeit, damit nicht versehentlich reaktionäre Relikte in den Diskurs gerieten. In diesem Kontext provozierte Surrogats Rückbezug zur Dominanzästhetik des Hardrocks: Eiserne Kreuze und Raubtiere auf dem Plattencover. Hochdezibelmusik, die diskursiven Widerspruch dröhnend niederwalzen konnte – allerdings mit ambivalent formulierten Texten (Gib mir alles, Patrick Wagner Superstar), in denen Wagner zugab, dass ihm der Besitz der problematischen Werte Macht, Ruhm und Geld durchaus attraktiv erschien. Weil der aus Österreich stammende, in Rheinland-Pfalz aufgewachsene Sänger auch abseits der Bühne gern in Sätzen spricht, die wie gute, druckvolle Riffs funktionieren – in nervöser, impulsiver Grandezza –, haftete ihm das Etikett "Großmaul" an.

Weiteres Aufsehen erregte Wagner als Mitgründer und -betreiber der einflussreichen kleinen Plattenfirma Kitty-Yo. Die Veröffentlichung des Albums The Teaches of Peaches im Jahr 2000 hat internationale Musikgeschichte geschrieben. Das Coverfoto der Sängerin Peaches in pinken Hotpants ist eine Ikone des sex-positiven Feminismus. Wenig später setzte allerdings der große Niedergang der Musikindustrie ein. Patrick Wagner verließ Surrogat und Kitty-Yo, arbeitete eine Weile als Manager beim Musikkonzern Universal und führte sein eigenes Label Louisville Records mit viel Investmentkapital in die Pleite. Auf die Bühne trat Wagner zuletzt nur als Moderator der FuckUp Nights, die eine Kultur des ökonomischen Scheiterns und die Kreditwürdigkeit von bankrotten Unternehmern befürworten. Zwölf Jahre lang hat er keinen einzigen Ton Musik gemacht.