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James – Girls At The End Of The World (Infectious)

Es gibt ein ungeschriebenes Popgesetz: Wer die Bühne auch im Spätherbst der Karriere nicht räumt, wird zwangsläufig altersmilde. Ausnahmen von Iggy bis Bowie bestätigen da nur jene Regel, der James nun eine Art Unterparagraf hinzufügt. Vor 35 Jahren hat das Quartett Dance und Rock mit etwas Rechnereinsatz zu jenem Madchester-Sound vermengt, ohne den Britpop heute unvorstellbar erscheint. Bereits Anfang der Neunziger jedoch begann die Band um den Sänger Tim Booth, ihre experimentelle Kantigkeit so zu glätten, dass sie chartstauglich wurde.

Heute aber geht sie in aufgestockter Originalbesetzung den umgekehrten Weg. Mit psychedelisch flatternden Synthies und bläserflankiertem Choralgesang machen James den Zwischenstopp arg bunter Klamotten und Arrangements ebenso vergessen wie die überanstrengte Neugründung vor neun Jahren, als Booth seinen Platz im Kreise alter Freunde und neuer Sounds erst finden musste. Wie kaum ein Alterswerk sonst verbindet Girls At The End Of The World somit Nostalgie und Neuanfang zu einem selbstbewussten Album, das wieder mehr nach Stone Roses klingt, weniger nach Coldplay. Spätherbstliche Frühlingsgefühle, auch mal schön.



© Caroline

Iggy Pop – Post Pop Depression (Caroline)

Spätherbstliche Altersmilde ist Iggy Pop auch mit 69 fremd wie ein ordentlicher Haarschnitt oder Unterhautfettgewebe. Im Gesicht jene Kraterlandschaft, die fünf Jahrzehnte hochtouriges Bühnenleben so mit sich bringen, entspringt dem jungen Geist im alterslosen Leib abzüglich biochemisch bedingter Kompromisse ein musikalischer Furor, den man vielen seiner zahmen Enkel nur wünschen kann. Jene Post Pop Depression also, die das 20. Soloalbum seit The Idiot 1977 im Titel trägt, ist für den Unzerstörbaren des Punkrock daher mehr Anklage als Eigendiagnose. Wenn er die German Days von heute im Krautrockambiente seiner Berliner Tage besingt oder zum dystopischen Bass ein American Valhalla sucht, wirkt sein pathetischer Bariton nie rückständig, geschweige denn larmoyant. Das verleiht diesem James Newell Osterberg aus Michigan nur jenen Ausdruck, der seiner Renitenz seit Stooges-Zeiten gebührt. Daran können selbst die Streicher in Nick-Cave-Gedächtnis-Songs wie Sunday nicht rütteln: Iggy Pop wird auch mit 169 wohl noch jedes Harmoniebedürfnis virtuos zerschreddern.



© Funken

Randweg – Meanderlust (Funken)

Die Klarinette, meinen Musikwissenschaftler, ähnelt der menschlichen Stimme von allen Instrumenten am ehesten. Besonders in tiefen Lagen sei sie ein verwechselbarer Ausdruck unserer Gefühlswelten, mehr Stimmband als Rohrblatt. Beim Avantgardeduo Randweg von einer instrumentellen Band zu sprechen, trifft es daher nicht so ganz – auch wenn es nominell keinen Gesang gibt. Schließlich spielt Andreas Ernsts Klarinette nicht nur zum begleitenden Saiteneinsatz seines Freundes David Baurmann, sie spricht förmlich aus den Arrangements der zwei rheinländischen Wahlberliner. Ihr zweites Album Meanderlust deutet es schon im Titel an: Wie sanft dahingleitende Gewässer schlängeln sich anschmiegsame Tonfolgen durch ein Biotop aus analogem Jazzfolk und stimulierender Electronica. Mal fließen da treibende Beats vom Rechner unter die Neoklassik, mal tupft etwas erdige Lagerfeuerromantik vom Cajon ins binäre Codeallerlei. Man könnte es als Natur-Ambient bezeichnen: Wie ein innerstädtisches Hochmoor oder ein Trancefloor im Birkenwald, trotz einiger Disharmonien zum Ausspannen schön.



© RCA/Sony

Stefan Dettl – Soul Train (RCA/Sony)

Was Erfolg mit sich bringt? Geld, Ruhm, Macht, Einfluss eben, manchmal jedoch auch ein leeres Gefühl der Unterforderung, ja Langeweile. Untätige Unternehmergattinnen legen sich daher ja gern mal kleine Einrichtungsläden zu oder werden karitativ tätig. Im Sog des Erfolgs von La Brass Banda tut deren Kopf Stefan Dettl jetzt im Grunde beides, wenn er sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Da die Leute vom volksmusikalischen Skapunk kaum genug kriegen können, stellte sich bei zunächst zwei der fünf Oberbayern Verdruss ein, der erst den Tubisten Andreas Hofmeir zurück zur erlernten Klassik trieb und nun den singenden Trompeter Dettl auf Single-Pfade. Dass er dabei praktisch das gleiche macht wie zuvor, zuweilen etwas ruhiger vielleicht und teils in (arg deutschem) Englisch – geschenkt! Fans des alpinen Gypsy-Sounds werden Soul Train als schickes Accessoire betrachten, das die unbehauste Disco des Bürgertums ebenso selbstlos dekoriert wie Dettls Hauptprojekt. Schöne Platte, toller Typ, kannst jetzt aber gern wieder La Brass Banda machen, lieber Stefan.



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Gwen Stefani – this is what the "truth" feels like (Universal)

Die mit Abstand größte Enttäuschung einstiger Hoffnungen des Pop ist eine Kopie der Kopie der Kopie, die dem Original halsaufwärts zwar auf schenkelerweichende Weise ähnelt, ansonsten aber nichts damit zu tun hat: Gwen Stefani. Als Sängerin der Skatepunks No Doubt hat die Kalifornierin früher jedes Blondinenklischee zwischen den Muskelpaketen ihres Waschbrettbauchs zerquetscht und somit ein paar bildschöne Grautöne ins Schwarzweiß des aufkommenden Gendermainstreamings gemalt. 20 Jahre später ist Gwen Stefani zwar immer noch bildschön, aber nichts davon ist echt – weder Brüste noch Attitüde geschweige denn die Musik. Maskenhaft und stromlinienförmig verkauft sie auf ihrem dritten Soloalbum eine Art Spotify gewordenen Verrat an allem, was die Musikbiz-Reflektion Don’t Speak noch selbstkritisch verarbeitet hatte: Mit Fließbandkörper und Fließbandgesten macht die Fließbandfolie Fließbandpop für rein optische Ansprüche. Silikon raus, Seele rein, dann sind wir bei Adele, das ist die Gegenwart, du bist Geschichte.



© Virgin

L’Aupaire – Flowers (Virgin)

Um ein wahrer Multiinstrumentalist zu werden, bedarf es bisweilen des Zufalls. Robert Laupert aus dem hessischen Gießen zum Beispiel verschlug es als Austauschschüler einst in eine amerikanische Gastfamilie, die vom Klavier über Bass, Gitarre, Schlagzeug bis hin zum Mikrofon ein komplettes Bandrepertoire ihr eigen nannte, das sie zwar nicht beherrschte, aber fröhlich bediente. So lernte der Teenager fern der Heimat nicht nur alles einigermaßen gut zu spielen, sondern mehr noch, sich von mangelnder Virtuosität nicht abschrecken zu lassen. Ein Glück, muss man diverse Übungseinheiten on stage später sagen. Zum erwachsenen Songwriter L’Aupaire gereift legt er nach jahrelanger Bühnenpraxis sein Debütalbum Flowers vor. Es ist schon jetzt in diesem Jahr die vielleicht schönste Verbeugung des Neofolk vor den eigenen Ahnen. Als interpretierte Passenger Nina Simone, kräht Lauperts androgyne Stimme durch zwölf Stücke, die hier Country-Flair entfalten, dort Chansonhaftigkeit und dabei von einer hoffnungsfrohen Theatralik durchzogen sind, die Mut macht und Lust auf mehr.