© Saddle Creek

The Thermals: We Disappear (Saddle Creek)

Die Bush-Jahre waren gut für den sogenannten Indierock: Weil es endlich einen richtigen Grund gab, wütend und entfremdet zu sein, selbst wenn man im beschaulichen Portland lebt. Damals hatten auch The Thermals ihren Durchbruch, weil sie Lofi-Garagenpunk (ohne allzu Hardcore zu sein) mit Indie-Sensibilität verknüpften. Ihr großes Album damals – über Liebe in Zeiten der evangelikalen Diktatur, 35 Minuten ohne Atempause – hieß The Blood, The Body, The Machine.

Mit einem ähnlich gewichtigen Dreisatz soll sich nun auch We Disappear beschäftigen: Liebe, Tod und Technologie nämlich, laut Texterthermal Hutch Harris. Die Wut ist weg, die christliche Ikonografie auch, von zornigen Inkantationen des Sensenmanns abgesehen.

Die Band lebt von der Bassistin Kathy Foster, die es irgendwie schafft, Bedrohung mit Resignation zu verbinden. Es poltert immer noch, aber die Stoßrichtung ist eher Pop, das Noise-Feedback am Ende einiger Songs wirkt wie gesampled. Eigentlich können sie nur Hymnen mit traurig-trotzigen Gitarrenriffs. Den ambitionierteren Kompositionen wie The Great Dying geht schnell die Luft aus – alles über 2.30 Minuten ist, paradoxerweise, eine Verschwendung der Energie der Thermals. Die ist zum Glück noch da.



© Merge

Bob Mould: Patch The Sky (Merge)

In einem alternativen Universum hat Bob Mould nach dem Misserfolg seines Electronica-Experiments Modulate nicht auf die hater gehört und seine Gitarrensongs immer weiter mit Dance-Elementen angereichert. In jener Welt wäre das neue Album Patch the Sky ein echtes Ereignis, weil es eine Rückkehr zu alten Stärken ist, weniger giftig, aber immer noch dröhnend. Ein üppiges Alterswerk.

In unserer Welt jedoch macht Mould seit ein paar Jahren die gleiche Platte, in unterschiedlichen Tonlagen. Das freut jene, die seit Hüsker-Du-Tagen seine Selbsterforschungen verfolgen. Auf den letzten zwei Alben hat er sich mit der eigenen Sterblichkeit und vor allem dem Tod seiner Eltern auseinander gesetzt, Patch the Sky soll der Abschluss dieser Trilogie sein. Nach den reduzierten vorangegangenen beiden Teilen geht Mould jetzt wieder in die Breite: Das Album ist undurchdringlich, nicht nur wegen der Gitarrenwände und der heruntergemischten Vocals. Seinen Frieden mit den Dingen hat Mould nicht gemacht, trotzdem geht seiner Wut alles Altmännerhafte ab. Insgesamt ist das Album zu lang und zu gleichförmig, aber fehlenden Drive kann Mould niemand vorwerfen. Vielleicht doch okay, dass wir in dieser Welt leben.



© Sonar Kollektiv

Mieke Miami: In the Old Forest (Sonar Kollektiv)

There is unrest in the forest, sang einst die kanadische Prog-Band Rush. Die Ahornbäume und die Eichen streiten sich darüber, wer mehr Licht bekommt und am Ende macht eine Axt dem Zoff ein Ende. In the old Forest der Berliner Band Mieke Miami ist ebenfalls Konzeptmusik über den Wald. Aber hier gibt es keinen Streit, keine dunklen Ecken, alles ist friedlich, und wenn Bäume einander in den Armen, ähm, Ästen liegen könnten, sie würden es tun. Da ist der Hase und spielt Folk-Harmonien an der Gitarre, dazu trommelt der Iltis, auch etwas schneller, damit alle tanzen können. Die freundlichen Libellen plirren manchmal an den Synths. Und die Sängerin Mieke springt durchs Gehölz, singt mit heller Stimme über alte Bäume, die wie knurrige Seefahrer sind, und über den Sommer. Wenn es dunkel wird und sich alle ins Laub einmummeln, hat sie auch ein Schlaflied für die Biber in petto.

Leben Biber überhaupt im Wald? Keine Ahnung. Zielgruppe sind ja eh keine authentischen Waldschrate, sondern Menschen, die es aus professionellen oder privaten Gründen selbst nicht mehr in den Wald schaffen. Die können das durch diese naive Märchenmusik nachholen. Ganz klar: Der Trend geht zum Kinderlied.



© Partisan

Lontalius: I'll Forget 17 (Partisan)

Eddie Johnston aus Wellington lebt im Internet; selbstverständlich, er ist ja auch 19. Unter dem Namen Lontalius hat er vor ein paar Jahren angefangen, Cover von Pophits bei Soundcloud hochzuladen: übermüdete und traurige Versionen von Happy oder XO heftig geautotuned und nur mit einem Casio-Keyboard begleitet. Das hatte, trotz der somnambulen Qualitäten, einen Kick. Auf dem Debüt I'll Forget 17 gibt es nur eigene Songs, leider. Lontalius hatte eine kleine Gewissenskrise, ob es für einen rothaarigen Neuseeländer okay ist, Songs schwarzer Künstler zu covern und bezieht sich mit seinem Debüt lieber auf Indiebands. Dabei braucht er den Kontrast des hyperemotionalen Krachers, dessen große Geste er dann in kleine Gähner verpacken kann. Wenn die Geste an sich schon klein ist – zwischen Einsamkeit und Liebeskummer –, dann bleibt es auch der Song. Sein Idol ist Drake, dessen Wehleidigkeit ihm aber komplett abgeht. Aber Drake ohne Wehleidigkeit, das ist wie Casio ohne Batterien.