© Top Dawg/Aftermath/Interscope

Kendrick Lamar: Untitled Unmastered (Top Dawg/Aftermath/Interscope)

Nötig hat Kendrick Lamar seine prominenten Fürsprecher schon lange nicht mehr, aber so schnell wird er sie nicht los. Mit Lächeln und Aussitzen ist es eben nicht getan, wenn man beispielsweise bei der Grammy-Verleihung nicht nur einen Arm voller goldener Grammophone überreicht bekommt, sondern außerdem den politisch und musikalisch eindrucksvollsten Auftritt des Abends hinlegt. Klar, dass da nicht nur der Präsident das Smartphone zückt, um seinem Lieblingsrapper zu gratulieren, sondern auch die geneigte Sportwelt hellhörig wird. Waren das ganz neue Zeilen mitten in einer Aufführung über Gefängnisse, Schwarze Identitäten und Weiße Gewalt? Ein Fall für LeBron James. "Ihr müsst diese unbetitelten Songs so schnell wie möglich veröffentlichen!!!!!", twitterte der Basketballer nach der Verleihung an Lamars Label – und kaum zwei Wochen später hat das Label gehört.

Warum Top-Dawg-Chef Anthony Tiffith nun ausgerechnet den Schubs von James abwartete, um Untitled Unmastered am 3. März freizugeben, bleibt ungeklärt. Schließlich lechzen Fans von Hip Hop und preisgekrönten Alben seit To Pimp A Butterfly nach mehr. Und genau das sind die sieben Stücke auch: eine Erweiterung des Albums, aber kein billiger Bonus. Einige der Songs, die schlicht mit Daten betitelt sind, hat Lamar schon bei Fernsehauftritten gespielt, andere gab es noch nicht zu hören; alle aber stammen aus dem Butterfly-Zyklus und haben es nur aus Freigabegründen oder wegen zu früher Deadlines nicht aufs Album geschafft. Der rumpelnde Jazz, die erbarmungslosen Texte und auch die Gastauftritte von CeeLo Green und SZA hätten darauf gehört. Wer so etwas so formlos herausgibt, muss schon wieder ganz neue Dinge im Kopf haben.



© Vertigo/Universal

Aurora: All My Demons Greeting Me As A Friend (Vertigo/Universal)

Man kann nicht immer Musik über Politik machen, deshalb macht Aurora Musik für Telefonwerbung. Bisher hat nur Vodafone das erkannt und Running With The Wolves unter Clips gelegt, in denen Menschen sehr emotional telefonieren, aber irgendwer zieht bestimmt noch nach. Das hochtrabend betitelte All My Demons Greeting Me As A Friend bietet sich als Sammelsurium an elektronisch huschenden Popsongs an, die nicht groß stören, wenn man parallel schon mal Preise vergleicht.

Ein wenig erinnert die norwegische Sängerin mit der norwegisch verkorksten Stimme an Lykke Li oder Lampshade, weil das vom Label so gedacht ist. Aufbauarbeit, wie sie auch Lena Meyer-Landrut vom britischen Indie in den braven Elektropop gesteuert hat. Für Aurora bedeutet das: zwölf seichte Songs, die nach dem immergleichen Schema mit melancholischem Gesang anfangen, um dann vom Beat in einen pompösen Refrain gescheucht zu werden. Dort stehen sie dann und wissen nicht weiter. Wir jetzt auch gerade nicht.



© Bella Union/PIAS/Cooperative

Emmy The Great: Second Love (Bella Union/PIAS/Cooperative)

Einen Hang zum Kitsch hatte Emma-Lee Moss schon immer. Vor fünf Jahren packte die Engländerin ihre eigenwilligen Gedanken zu Dinosauriersex und Londoner Hochhäusern noch in grandiosen Schwulst aus Orgeln, Chören und allen Streichern des Königreichs und nannte das Virtue. Das neue Album Second Love scheint sie nun in verschiedenen Airbnbs aufgenommen zu haben.

Die Songs handeln lose von Umzügen und Reisen, von moderner Technik und Jugenderinnerungen. Aber erst, als sie alles unter der Liebe zusammengefasst hat, sagt Moss, habe es wirklich funktioniert. So juchzt und frohlockt sie denn auch und hat sich dafür zur Abwechslung viel sparsamere Stücke gebastelt, in denen es pocht und puckert und knistert und merkwürdige Wendungen nimmt, wie sich das für ein Kind der Achtziger und Neunziger gehört. "We thought that weightloss was survival/ We thought that Vogue was french for bible", singt sie dazu etwa mit dieser warmen Stimme, die bei aller Schwäche für die Schönheit nie schwächelt. Wäre ja auch unromantisch.



© PIAS/Invada/Rough Trade

The KVB: Of Desire (PIAS/Invada/Rough Trade)

Den Puls der Zeit kann man bei Vampiren lange suchen. The KVB stecken tief in den Achtzigern, als Shoegaze und Industrial vor lauter Unterkühltheit keine Lebenszeichen zuließen, und sie denken gar nicht daran, sich dort wegzubewegen. Nicholas Wood raunt seine Texte, die von übermenschlicher Sehnsucht handeln, und Kat Day dreht dazu den Synthesizern die Hälse um. Manche zischen zum Abschied noch leise, andere stürzen sich lieber gleich selbst in die Hackmesser der Elektronik.

Dass Of Desire nicht schon 30 Jahre alt ist, merkt man erst an der Mischung all seiner Einflüsse. Die minimalistischen Beats gab es schon damals, die knarzenden Bögen und die Kellerromantik des Postpunk, aber erst The KVB bringen alles zusammen. Mal geht das gut und mal weniger. In seinen besten Momenten schält das inzwischen in Berlin beheimatete Duo tragische Melodien aus wabernden Loops, die man gar nicht darin vermutet hätte, oder zerrt einen eiligen Rhythmus so brutal über den Boden, dass man wunderbar Angst bekommt. In seinen schlechteren Momenten klingt Of Desire wie ein gutgemeintes Demotape an Creation Records, die vielleicht nicht ganz ohne Grund vor 15 Jahren dichtgemacht haben.