Die Melomanen bereiten sich vor auf die Opernspektakel zu Ostern, die Schauspielfreunde räsonieren über die Auswahl des Berliner Theatertreffens im Mai, in Hessen kamen bis Sonntag gut 10.000 Zuschauer zum Festival Tanzplattform. Alles prima, und eine Premiere jagt die nächste. Doch die deutsche Theaterlandschaft, weltweit singulär in ihrer Dichte, beginnt zu erodieren. Wenn allein die Versorgung der noch zu erwartenden Flüchtlinge einen Bundeshaushaltsüberschuss von 19 Milliarden Euro locker auf null bringen kann, wächst der Rechtfertigungsdruck auf die sogenannte Hochkultur.

Die jüngsten Nachrichten aus dem Krisenticker: In Weimar soll dem Nationaltheater die Oper weggekürzt werden. In Rostock soll das Sprechtheater Gästen überlassen werden, von 30 bis 60 Kündigungen ist die Rede. In Hagen möchte man Orchester, Oper, Ballett, Jugendtheater behalten, soll aber künftig mit 13,5 Millionen Euro statt mit auch schon zurechtgesparten 15 auskommen. In Bielefeld wurde der Etat in vier Jahren um gut zweieinhalb Millionen reduziert, ab 2018 hat der Stadtrat weitere 600.000 Euro minus verordnet.

Sind das angesichts der bevorstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen alles Luxusprobleme? Als wollten sie diesem Vorwurf begegnen, zeigen Theater überall im Land Inszenierungen, die auf aktuelle politische Entwicklungen reagieren. In Bonn wird Lessings Toleranzklassiker Nathan der Weise infrage gestellt von wütenden Kommentaren zwölf muslimischer Bonner Jugendlicher, die der Regisseur Volker Lösch chorisch auftreten lässt. In Hannovers Oper wird der Freischütz zur heiß umstrittenen Geisterbahnfahrt durch deutsche Abgründe, Videos zeigen Pegidisten und Listen attackierter Asylunterkünfte.

Dreimal so viele Besucher wie die 1. Bundesliga

"Willkommen in der Gegenwart. Frauen und Migranten retten das Theater", so war vor einem halben Jahr ein Feature im Deutschlandfunk betitelt. Es ging davon aus, dass sich männliche Großregisseure über 50 an Klassikern und Subventionen mästen, um einer winzigen Bildungselite Freude zu bereiten. Tatsächlich aber sind die 140 subventionierten Theater in Deutschland, ob mit oder ohne tagesaktuelle Inszenierungen, keine Elfenbeintürme. Es gibt kein Haus mehr ohne Projekte und Reihen für Kinder, Jugendliche, Soziokulturen, ohne intensive Arbeit an Vermittlung, Auslastungssteigerung, Rentabilität. Das zeigt offenbar Wirkung: 35 Millionen Besucher im Jahr entsprechen etwa dem Dreifachen des Publikums der 1. Bundesliga, Tendenz steigend. Aber auch die Tarife für 39.000 Festbeschäftigte steigen.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Image von der Luxusanstalt, die endlich auf den Boden der Tatsachen kracht, wo die Künstler zu beweisen haben, dass sie auf gesellschaftliche Entwicklungen konkret eingehen. Dass sie das können, zeigen der Bonner Nathan, der hannoversche Freischütz und unzählige andere Projekte. Doch es wäre fatal, jede eher poetische als politische Regie für irrelevant zu halten. Und das Ganze sowieso für zu teuer. "Was wir da oben machen, hat per se nichts mit Flüchtlingsproblemen zu tun", sagt ein Opernstar wie der Bariton Michael Volle ratlos und fast zerknirscht.

Dabei geht es im Theater, ob gesungen, gesprochen oder getanzt, seit Urzeiten um Beziehungen zwischen Menschen, um Outsider, Misstrauen, Masse und Individuum, Hoffen und Scheitern. Wenn aber das Theater unentwegt seine Relevanz im Bezug auf politische Gegenwart nachweisen muss, dann verliert es seine Freiheit, dann sind wir in der DDR. Es ist eben keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft, sondern ein Ort ihres unmittelbaren Zu-sich-Kommens und ihrer Identität, der kommunalen wie der kulturhistorischen, und es ist, ja doch, kulturelles Erbe. Der in Deutschland lebende iranische Schriftsteller Said sagte 2003: "Nur der hat vor Überfremdung Angst, der seine eigene Kultur nicht kennt und nicht schätzt."

Einer der migrantenreichsten Berufszweige

Wenn darüber kein Konsens besteht, gerät das Theater der Bürger mit dem Rücken an die Wand, und genau das beginnt jetzt. Nicht im ganz großen Rampenlicht, wo man gleich Leuchttürme wanken sähe, sondern in den gebeutelten mittelgroßen Städten mit hilflosen Politikern: Die verschuldeten Kommunen liefern mehr als die Hälfte der Zuschüsse für Theater und Musik, der Bund dagegen beteiligte sich nach jüngster Statistik mit knapp einem Prozent an den 3,3 Milliarden Euro. Mit ihnen wird übrigens auch einer der migrantenreichsten Berufszweige finanziert: Opernensembles sind überall international, von den Solisten über die Instrumentalisten bis zu den Choristen.

Eben darum schrieben die Mitarbeiter der Semperoper im Dezember einen offenen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten: Viele von ihnen fühlten sich durch die Pegida-Versammlungen auf dem Theaterplatz "unwillkommen und ausgegrenzt", "beleidigt und bedroht". Sie baten den Regierungschef um Gegenmaßnahmen, der verwies auf das Versammlungsrecht. Sie befestigten einen großen LED-Monitor draußen an der Oper, der mit Sätzen wie "Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass" die Tiraden draußen stört.

Dagegen ging bei der Stadt vor zwei Wochen eine Anzeige ein. Jetzt prüft der Denkmalschutz, ob der Monitor genehmigt werden kann: Immerhin verändere er "das Erscheinungsbild des Kulturdenkmals". Um gesellschaftlich relevant zu sein, zeigt der Vorgang, muss sich ein Theater nicht verbiegen.

Korrektur: In der ersten Fassung des Artikel schrieben wir, dass die 35 Millionen Theaterbesucher einem Drittel des Publikums der 1. Bundesliga entsprächen. Das war leider falsch: Es sind dreimal so viele wie in der 1. Bundesliga.