Er konnte wahrlich hören: Nikolaus Harnoncourt während der Salzburger Festspiele 2012 © Barbara Gindl/dpa

Großen Dirigenten sagt man gemeinhin den Wunsch nach, auf dem Podium zu sterben – schließlich gilt die Machtausübung am Pult als Lebenselixier dieser besonders langlebig scheinenden Musikerkaste. Umso ungewöhnlicher ist es da, wenn ein Orchesterchef den Abschied von seiner Karriere planvoll und mit Sinn für die Symbolik des Loslassens gestaltet.

Wie ein Vermächtnis wirkte es für die Anhänger des 1929 in Berlin geborenen Nikolaus Harnoncourt bereits, als er 2014 seine Einspielung mit dem Zyklus der letzten drei Mozart-Sinfonien vorlegte. Schließlich war es die Aufführung einer dieser Sinfonien, nämlich die 40. in der Todestonart g-moll, die den als Cellisten ausgebildeten Musiker 1969 dazu bewegt hatte, seinen Job bei den Wiener Symphonikern zu verlassen und sich selbst ganz dem Beruf eines Orchester- und Ensembleleiters zu widmen. Ein Jahr später und – nicht nur zufällig – einen Tag vor seinem 86. Geburtstag im Dezember 2015 teilte Harnoncourt seinem Publikum in kurzen, wohlüberlegten, handschriftlich notierten Worten den Rücktritt vom Dirigentenpult mit. Er setzte damit selbst den Schlusspunkt hinter eine Laufbahn, die zu den einflussreichsten Musikerkarrieren des 20. Jahrhunderts gehört.

Denn auch wenn Harnoncourts Anliegen lediglich darin zu bestehen schien, das Spiel auf historischen Instrumenten und ihren Nachbauten wieder zu erlernen und das Wissen um die historische Aufführungspraxis für den Musikbetrieb fruchtbar zu machen, so hat er damit das Erscheinungsbild der tatsächlich in unseren Konzertsälen gespielten Musik auf eine Weise beeinflusst, wie es sonst nur den einflussreichsten zeitgenössischen Komponisten vergönnt war.

Auch auf der Opernbühne leistete er Pionierarbeit

Freilich konnte er mit seinem 1953 gegründeten und seit 1957 unter dem Namen Concentus Musicus Wien auftretenden Ensemble auf die Arbeit der Alte-Musik-Pioniere der Vorkriegszeit aufbauen. Doch niemand erwies sich auf allen Ebenen zugleich als ein so glänzender Kommunikator wie Nikolaus Harnoncourt. Statt das historische Originalinstrument stur zum Fetisch zu erheben, brachte Harnoncourt einer ganzen Musikergeneration und auch dem Publikum bei, dass die Vermittlung barocker Musik immer auch die Gesetze erfolgreicher Rhetorik zu beachten hat.

Neben der Dirigiertätigkeit wurde seine mit dem Untertitel Wege zu einem neuen Musikverständnis versehene Aufsatzsammlung Musik als Klangrede geradezu zur Pflichtlektüre für jeden, der sich als Musiker oder Zuhörer tiefergehend mit der Musik des 17. bis 19. Jahrhunderts befassen wollte. Einen völlig neuen Markt erschloss er dabei auch der Musikindustrie: Angefangen mit der bahnbrechenden Einspielung von Bachs Brandenburgischen Konzerten und der h-moll-Messe auf historischen Instrumenten über die Wiederentdeckung vernachlässigten frühbarocken Repertoires bis hin zur Rehabilitierung des als Vielschreiber gering geschätzten Telemann verhalf er seiner stetig wachsenden Anhängerschar zu zahlreichen Aha-Erlebnissen.

Und auch auf der Opernbühne leistete er Pionierarbeit: Mit seinem zwischen 1975 und 1977 gemeinsam mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponelle am Zürcher Opernhaus aus der Taufe gehobenen Monteverdi-Zyklus half er dem Musiktheater, das erste Komponistengenie der Operngeschichte ernst zu nehmen.

Den schönsten Nachruf schrieb er sich selbst

Zum Dogmatiker oder Tyrann wurde der streitbare Harnoncourt, der in Ausdrucksweise wie Dirigierstil durchaus auch so knorzig und schroff daherkommen konnte wie die Holzfiguren, die er in seiner Freizeit mit Hingabe zu schnitzen pflegte, dabei nicht. Vielmehr war er es selbst, der die historische Aufführungspraxis auch für die auf neuen Instrumenten spielenden Symphonieorchester zu erschließen half. Ob Berliner oder Wiener Philharmoniker, Mailänder Scala oder Concertgebouw-Orchester: Kaum ein bedeutendes Ensemble mochte darauf verzichten, sich in Sachen historischen Bewusstseins von dem noch im Alter mit hochexplosiven Gesten dirigierenden Grafen eine Verjüngungskur verabreichen zu lassen.

Sogar die Salzburger Festspiele konnte er nach dem Tode seines großen Antipoden Herbert von Karajan schließlich mitprägen. Die stete musikalische Neugier war es dabei, die Harnoncourt bei allem Nachdruck, mit dem er seine Thesen vortrug, vor der Erstarrung bewahrte: So erschloss er als Gastdirigent sich und seinem Publikum nicht nur die großen Symphoniker des 19. Jahrhunderts, sondern gab zusammen mit Jürgen Flimm auch seinem Faible für die Welt der Wiener Operette nach. Und noch 2009 überraschte er auf dem 1985 gegründeten, ihm gewidmeten Styriarte-Festival mit einer spritzig-jazzigen Interpretation von George Gershwins Porgy and Bess.

Am 5. März, genau drei Monate nach seinem Abschied vom Pult, ist Nikolaus Harnoncourt nun gestorben. Den schönsten Nachruf hat er sich, die Zügel in einer kontrollierten Geste aus der Hand gebend, mit seinem Abschiedsbrief an das Publikum wohl selbst geschrieben. "Große Gedanken" kämen bei ihm angesichts dieser Entscheidung auf, so gibt er zu – doch bezieht er sie nicht nur auf sich: "Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden!" Um am Ende ebenso lapidar wie treffend zu behaupten: "Da wird wohl Vieles bleiben."