Die Teheraner Musikerin Sara Najafi © Basis-Film Verleih

Erinnerung an Isfahan, im Oktober 2014. Ein Abendländer sucht einen Plattenladen. Ratlose Passanten. Eine schwarz verhüllte Bürgerin weiß ein Kellergeschäft. Es bietet CDs mit Schnauzbartpop. Nach klassischer iranischer Musik befragt, offeriert der Inhaber den Nationalhelden Shahram Nazeri.

"Haben Sie auch was von Parissa?"

Dramatisches Erschrecken. Der Mann ringt die Hände, erhebt den Blick zur Kellerdecke und ruft gedämpft: Aber Frauen dürfen doch nicht singen!

Der Abendländer besitzt mehrere Parissa-Platten, freilich daheim erworben. In Isfahan hört er, es gebe hierzulande eine öffentliche und eine private Musikszene. Was weiblichen Gesang betreffe, sei die männliche Meinung geteilt.

Die ganze Wahrheit findet sich in Berlin, im März 2016. Der Filmrauschpalast Moabit zeigt die iranische Dokumentation No Land's Song. Das bombastisch benamste Lichtspielhaus erweist sich als Backsteinhöhle mit gekachelten Wänden. Einst war dies der Wehrmacht-Schlachthof. Jetzt frieren hier drei Cineasten in antiken Sesseln. Der Vorführer befeuert einen Bullerofen. Dann starten wir in den Orient.

No Land's Song erzählt die Geschichte der Teheraner Komponistin Sara Najafi und ihren Lebenstraum. Die junge Frau möchte der weiblichen Solostimme wieder eine Bühne geben. Solche Konzerte sind seit der islamischen Revolution von 1979 verboten. Ein würdiger Mullah erklärt, warum: Zwar habe Allah den Mann perfekt erschaffen, doch die Singstimme der Frau errege das göttliche Geschöpf und entferne es vom idealen Urzustand. Auch Alkohol bewirke solch betrübliche Veränderung.

Sara Najafi kämpft, unerbittlich sanft. Sie gewinnt männliche Musiker für ihr Projekt, vor allem jedoch die Sängerinnen Parvin Namazi und Sayeh Sodeyfi. Rastlos ersucht sie in Ministerien und Ämtern um Auftrittsgenehmigung und hört immer wieder: Nein. Im Film hören wir mit, dank Saras verstecktem Mikrophon. Sie verfremdet ihren Plan. Sie darf nach Frankreich reisen und wirbt Pariser Musiker an. Jetzt wird es verrückt. Eine der neuen Stimmen ist Emel Mathlouthi, die tunesische Vorsängerin der Arabellion.

Singen? Nur im Privaten oder als Begleitung von Männern

Am 14. Juni 2013 gewinnt Hassan Rohani, der einzige Reformkandidat, die iranische Präsidentschaftswahl. Am 19. September 2013 geschieht, was noch Stunden zuvor abermals verboten wurde: Sara Najafis transnationales Ensemble konzertiert im Teheraner Opernhaus, für Männer und Frauen. Es scheint, das Drama hat ein Happy End. Man erlebt den Jubel des gemischten Publikums. Und wünscht heftig, man wäre dabei gewesen, nicht bloß im Filmrauschpalast.

Im Schummerlicht des Vorraums liegen Zettel aus. Sie annoncieren No Land's Song in concert, hier in Berlin.

Am 22. März 2016 begegnet der Abendländer in der niedersächsischen Landesvertretung einer Schönheit: Sara Najafi – ohne Kopftuch, mit kurzem Haar, in Hosen. Sie lacht und reicht die Hand. Sie hat wenig Gutes zu berichten. Nein, das Konzert von 2013 sei leider kein Türöffner geworden. Offiziell habe sie damals nicht den iranischen Musikern französische hinzugefügt, sondern umgekehrt. Formal gestattete das Regime nur den Franzosen aufzutreten, um vor dem Ausland das Gesicht zu wahren.

"Was passierte danach?"

"Nichts. Das Konzert wurde einfach ignoriert."

Iranerinnen, sagt Sara Najafi, dürften durchaus singen – daheim, in Privatkonzerten sowie als Hintergrundbegleitung männlicher Sänger. Möglich seien auch öffentliche Konzerte allein vor Frauen.

"Haben Sie das versucht?"

"Nein, natürlich nicht. Das hieße ja, man akzeptiert dieses Gesetz."