Der iranisch-britische Cembalist Mahan Esfahani © Stefan Hoederath/Redferns/Getty Images

Fünf, zehn, sechzehn Minuten lang pures h-Moll, herrlich. Und dann noch am Cembalo. Das knallt nicht so in die Ohren, und passt dazu, dass die emsige Tonfolge, dauernd wiederholt und modifiziert, ein bisschen an Klavierpräludien von J. S. Bach erinnert, der an diesem Abend auch gespielt wird. Da könnte doch jeder, Kenner oder nicht, gut relaxen und abwarten, was wohl noch passiert mit diesem Material. Genau das wollten auch die meisten, die sich am vorigen Sonntag in die Kölner Philharmonie begeben hatten, wo das Ensemble Concerto Köln Musik von Bach und seinem Sohn Carl Philipp kombinierte mit Zeitgenössischem von Fred Frith, Henryk Górecki und Steve Reich.

Reich dachte sich seine Piano Phase anno 1967 aus, die Jahreszahl bitte mal merken! Mit der erwähnten Tonfolge, immer derselbe h-mollige Sechzehntelzwölfer, betraute er zwei Pianisten, deren Tempi sich allmählich gegeneinander verschieben. Es kommt zu irren Interferenzen. Man kann das auch mit Cembalo und Tonband machen wie Mahan Esfahani jetzt in Köln. Und es kam zu irren Interferenzen. Aber keinen musikalischen: "Lachen, Klatschen und andere Geräusche des Missfallens", schreibt der Kölner Stadtanzeiger, "erzwangen den Abbruch der Darbietung." Ein halbes Jahrhundert nach Entstehung des Werkes, das der Interpret zuvor sogar noch in bestem Englisch erklärt hatte.

"Reden Sie doch gefälligst Deutsch!", war dem 1984 in Teheran geborenen Musiker da schon zugerufen worden. Jetzt fragt man sich nicht nur in Deutschland, wo wir hier eigentlich sind. Zumal nach den widerwärtigen Szenen aus Sachsen manche Kommentatoren im Kölner Philharmonie-Eklat schon eine Barbarisierung sehen, wie sie ins Ende der Weimarer Republik gepasst hätte. Man liest da durchaus etwas Untergangslust mit und wähnt jene Konzertstörer sogar als Sprecher einer schweigenden Mehrheit. Dabei wird unterschlagen, dass der Cembalist in der schlaflosen Nacht nach diesem Konzert neben seinem Entsetzen auch seine Begeisterung aufschrieb: über die vielen Zuhörer, deren Unterstützung "unglaublich beglückend" war.

Einer entschuldigt sich für die anderen

Während seiner Darbietung ­– nach vier Minuten musste Esfahani seine Piano Phase abbrechen ­–­ hatten sich die Fraktionen gegenseitig bekämpft: "Ein Pandämonium eines Ausmaßes, das ich in einem Konzertsaal für klassische Musik noch nie erlebt habe", schreibt der Musiker. Eigentlich müsste bei so einer Gelegenheit der Intendant auf die Bühne stürzen. Hier war es, im Finalapplaus, ein Mann aus dem Publikum, der das Mikrofon (denn es gab eines) nahm und Partei ergriff für die Kunst. Der Gast habe sich entschuldigt für die Reaktionen einiger Zuhörer und dafür großen Applaus geerntet, notiert Esfahani.

Dennoch bleibt die Frage, wie es zu dem Ausbruch kam, und warum gerade in Köln. Denn die Kölner Geschichte reicht doch etwas weiter zurück als bis zur Silvesternacht. Köln war musikalisch mal ein Avantgarde-Mekka!

1951 etablierte der WDR hier sein Studio für elektronische Musik, und das war nicht irgendeine Bastelstube für Freaks, sondern wurde vor allem durch Karlheinz Stockhausen derartig einflussreich, dass es 1967 (schon wieder dieses Jahr!) in der Weltliteratur auftaucht. In Thomas Pynchons Versteigerung von Nr. 49 versammeln sich Typen in einer amerikanischen Kneipe um die Jukebox, aus der plötzlich "ein wildes Pfeifen und Keuchen" losbricht. Alle lauschen andächtig. "Das ist von Stockhausen", erklärt der Barkeeper der Besucherin. "Die Leute, die früh hier sind, stehen mehr auf den Radio-Köln-Sound." Steve Reichs Musik hätte sie gähnen lassen. H-Moll, du liebe Güte!

Was haben diese Bildungsbürger alles vergessen

Es war nicht die nächste "Sturmabteilung" sozial schwacher Ungebildeter, die am Sonntag in der Philharmonie wie in einem späten Weimar gegen die Avantgarde anbrüllte. Es waren, wie Esfahani in seinem klugen Posting beschreibt, wütende alte Männer, Abonnenten, sogenannte Bildungsbürger. Akademiker, die vor der Veränderung der Welt – und sie verändert sich jetzt! – so viel Angst haben, dass sie die eigene (Kultur-)Geschichte vergessen. War keiner von denen mit 30 Jahren im Kino, um sich Koyaanisqatsi anzusehen, den 1982er Kultfilm mit Musik von Phil Glass, auch so ein amerikanischer Minimalist? Wissen sie nicht, wie vor 100 Jahren die musikalische Moderne begann? Als Auflehnung gegen ihresgleichen.

"Nicht weitersingen! Schluss! Wir haben genug! Wir lassen uns nicht frozzeln!", brüllten sie anno 1908 in Wien, als Arnold Schönbergs Streichquartett op. 10 zur Uraufführung kam. Dieses verstörte Häufchen im Saal stand auch damals nicht für die Gegenwart, sondern für die Angst vor ihr. Es lag Veränderung in der Luft. Steve Reichs Piano Phase ist bei Weitem nicht so abgründig, auch Dur-Moll-Fundamentalisten können das durchstehen, ohne Medikamente einzuwerfen. Aber vielleicht ist es gerade die unaufhaltsame Phasenverschiebung mitten im Vertrauten, in h-Moll, die den Kern der Angst trifft: Wohin soll das führen? In die Freiheit einer Kunst, einer Gesellschaft womöglich, die keinem etwas nimmt und den Geist lockermacht.

In Mahan Esfahanis iranischer Heimat darf man solche Stücke nicht spielen. In Europa gehört die Möglichkeit, sie zu spielen und zu hören, zur Basis der Gesellschaft. Die ängstlichen Alten (und alle Neugierigen) haben die Gelegenheit, am selben Ort Angst (und Schwellenangst) hinter sich zu lassen: Der Cembalist wird die abgebrochene Aufführung in ganzer Länge wiederholen.   

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