Poliça – United Crushers (Memphis Industries/Indigo)

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Die meisten Bands mit zwei Schlagzeugern haben einen Schlagzeuger zu viel. Nicht aber Poliça aus Minneapolis: Bei ihnen entsteht durch das Zusammenspiel zweier Drummer ein so rhythmischer Trickreichtum, dass die Sängerin Channy Leaneagh gar nicht mehr viel falsch machen kann. Auf dem dritten Poliça-Album United Crushers sieht sie das zum ersten Mal genauso: Leaneagh verzichtet beinahe vollständig auf die bisher charakteristische Verfremdung, Verschleierung und Zerhackstückelung ihrer Stimme. Sie hat nichts mehr zu vergeben.

Man kapiert also endlich, worum es bei Poliça geht: um Polizeigewalt in Hochzeitsnächten, Vereinsamungsängste im Berliner Exil und Bekenntnisse zur Alleinerziehung. Kapiert der Rest der Band das auch? United Crushers trägt einen martialischen Titel, aber sonst nicht viel bei zur Verdeutlichung von Leaneaghs brisanter Lage. Es ist derselbe kleinteilige Elektro-Pop, den Poliça seit jeher ausbaldowern, dieselbe Musik des leicht verstimmten Magens, an der momentan jede zweite Band-WG von Fitzroy über Neukölln bis Nørrebro arbeitet. Ein Schlagzeuger mehr ist da schon wieder zu wenig.

Videopremiere - Musikvideo zu "Wedding" von Poliça


Big Ups – Before A Million Universes (Tough Love/Cargo)

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Die Planierraupe ist ein gern gesehener Gast in dieser Kolumne: Schon vor zwei Monaten beobachteten wir die US-amerikanische Metal-Band Baroness bei dem Versuch, ein solch schweres Gerät zum Tanzen zu bringen. Die US-amerikanische Hardcoreband Big Ups hingegen besinnt sich auf die Kernkompetenzen der gemeinen Planierraupe. Ihr zweites Album Before A Million Universes ist eine Meisterleistung der humorlosen Abriss- und Begradigungsarbeiten – eine Platte über das Plattmachen.

Obwohl inzwischen andere Toupets zur Wahl stehen, orientieren sich Big Ups am Protesthardcore der Reagan-Jahre. Dessen Hang zur Ungemütlichkeit unterstreichen sie durch schmucklos arrangierte Songs, trügerische Atempausen zwischen den Wutausbrüchen und gelegentliche Muskelspiele in der bandeigenen Frickel-Rock-Folterkammer. Der Sound ist also old-school, die Haltung jedoch topaktuell: Der Sänger Joe Galarraga flüstert, brüllt und ätzt gegen zwanghafte Selbstoptimierung, scheinbare Schwarmintelligenz und die daraus resultierenden Nervenzusammenbrüche. Spaß geht anders, Spaß war gestern.


Fatima Al Qadiri – Brute (Hyperdub/Cargo)

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Wir bleiben brutal. Die kuwaitische Allzweckwaffenkünstlerin Fatima Al Qadiri verglich schon ihr Debütalbum Asiatisch mit der rauen Poesie, die sie in den Bauwerken des Brutalismus beobachtet hatte. Zwei Jahre später nennt die Klangformerin und -kuratorin ihr zweites Album Brute und stellt ihm eine vielsagende Begriffserklärung voraus, mit der sie den Titel bis ins Lateinische zurückverfolgt. Demnach sind "brutes" nicht bloß wild und gewalttätig, sondern auch dumm.

Al Qadiris Alben führen schnell ins Reich der Nachschlagewerke. Ebenso wichtig wie die Bass-, Fanfaren- und Mönchschor-Sounds, die sie für die Zusammenstellung ihrer Stücke meist aus den Voreinstellungen preisgünstiger Audiosoftware übernimmt, ist der mitgelieferte Deutungsrahmen. Auf Brute umranden ihn Samples von Polizeidurchsagen, Sirenengeheul und aufgebrachten Nachrichtensprechern: Es geht um Begegnungen des zivilen Ungehorsams mit militärisch ausgerüsteter Staatsautorität. Ein gern bearbeitetes Thema in der zeitgenössischen Popmusik – das jedoch selten so wirkmächtig und unbehaglich ausgestaltet erscheint wie in Al Qadiris Hyperlink-Musik.


Mantocliff – Umbilical (Radicalis)

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Wer hätte nach so viel Gewalt noch mit einem versöhnlichen Abschluss gerechnet? Natürlich die Band Mantocliff, die sich selbst auf Klangkunstteppichen und Blumenwiesen verortet, auf Super-8-Videos und vermutlich auch überall sonst, wo ein Redakteur des Gönn's-dir-doch-Magazins Flow seiner nächsten Story nachspüren könnte. Mantocliff singen Lieder des schönen Augenblicks und beklagen seine Vergänglichkeit. Sie stammen aus Basel und leisten mit ihrem Debütalbum Umbilical einen holden Beitrag zur Rückkehr der guten Geister in alle Schweizer Knusperhäuschen.

Die Sängerin Nives Onori gibt eine weniger dandyhafte Version von Alison Goldfrapp, während ihre Band an den zauberwäldlerischen Dream-Pop auf deren frühen Platten anknüpft. Platz ist also schon für düstere Zwischentöne in den feingliedrigen, fachmännisch arrangierten Umbilical-Songs. Aber geschenkt. Für echte Befremdung sind Mantocliff zu gut erzogen, für ein aufwühlendes Album zu sehr dem Happy End verpflichtet.