In Berlin geboren und in Hamburg gestorben: der Sänger Roger Cicero © Matthias Bothor

Es heißt, wir alle halten ein Leben lang fest an der Musik, die wir hörten, während wir die Welt für uns entdeckten. Während wir losstürmten, frei hinaus, mit den Freunden, ohne die Eltern. Zu gern erinnern wir uns an den Aufbruchsgeist, der uns in den Tagen unserer späten Jugend antrieb – und meist hat er eine Melodie.

Wer Anfang der Nullerjahre in Hamburg lebte und studierte, irgendwas mit Musik, wer sich auf der Reeperbahn herumtrieb, im Pudel, Grünspan, Angie's Nightclub, der konnte Roger Cicero nicht verpassen. Ob in kleiner Quartettbesetzung in Plüschatmosphäre oder im großen Big-Band-Kollektiv der Soulounge, er war immer irgendwo dabei. Es war die Zeit, als Robbie Williams und George Michael mit Jazzstandards große Erfolge feierten. Cicero zeigte dem vom Acid Jazz des Mojo Club angeheizten Publikum, dass auch Norddeutsche Soul haben.

Damals machte man sich noch Gedanken darüber, ob Hautfarbe singen kann. In diesem Kontext war Roger Cicero die Klaviatur unter den Stimmen: Eigentlich überwiegend weiß, aber erst durch die vielen schwarzen Halbtöne wirklich großartig. Dieser unscheinbare Typ legte Stevie Wonders Sir Duke oder Superstition hin, als wäre es ein Spaziergang. Seine Improvisationen sprühten vor Energie, austrainiert bis ins letzte Melisma.

Gelernt hatte Cicero das schon als begabter Schüler unter Peter Herbolzheimer und während des Jazzstudiums in Hilversum. In der Hamburger Jamszene gereichte ihm seine beeindruckende Technik zum Sängerkönig. Als man hörte, er gebe auch Privatunterricht, besorgte man sich schon mal schüchtern die Telefonnummer. Cicero hatte etwas vom Jazz kapiert, das war klar. Und wenn es nur das Handwerk war; Klavier, Gesang, Gitarre, Songwriting – das ist mehr, als viele andere draufhaben, die im Radio wohnen.

Dass Musik eben auch Arbeit sein kann, hatte der Vater Eugen Cicero, der als angesehener Jazzpianist aus Rumänien gekommen war, an den kleinen Roger weitergegeben. Man trat eben auf, spielte Gig um Gig, schlug sich mit Studiosessions durch, nahm Platten auf, weil sie einem selbst gefielen, bis sich irgendwann etwas Größeres auftat. Dieser Moment kam für Roger Cicero 2006, da war er bereits 36 Jahre alt und sein Haupthaar schütter. Er bekam eine Schiebermütze und die Rolle des Jazz-Robbies von der Elbe verpasst. Big-Band-Sound mit deutschen Texten, ein bisschen Retro-Glamour, eine ordentliche Tüte Alltagsmachismo, die Party-Promiskuität von Mambo No. 5 und die Lebemannromantik, mit der Michy Reinckes Taxi nach Paris 20 Jahre zuvor im Graben stecken geblieben war.

Sauber wie die Glasperlen im Dekosand

Das Rezept ging voll auf. Das Album Männersachen begeisterte vor allem Frauen, die sich von ihren Ehemännern rote Rosen, eine Designerhandtasche und ein sauber gefliestes Wohnzimmer wünschen. Davon soll es ja viele geben. "Zieh die Schuhe aus, bring den Müll raus …" und Triple-Platin, 610.000 Einheiten verkauft. Im Jahr drauf durfte Roger Cicero die deutschen Herzen beim Eurovision Song Contest vertreten, Frauen regier'n die Welt, nun ja, 19. Platz, die Botschaft kam wohl nicht überall an. Weitermachen, die Welle reiten. Beziehungsweise, 2007, immerhin Triple-Gold. Artgerecht, 2009, Platin. In diesem Moment, 2011, Gold. Vermutlich waren Til-Schweiger-Deutschland und Roger-Cicero-Deutschland eine Zeit lang deckungsgleich. Das war immer hervorragendes Pophandwerk, vielleicht ein bisschen zu gut ausgedacht, aber stimmlich so sauber und funkelnd wie die Glasperlen im Dekosand auf der Fensterbank. Roger Cicero wusste, dass er den echten Jazz unter den Teppich kehren musste.

Jazzmusik - Roger Cicero ist tot Der Sänger und Musiker Roger Cicero ist überraschend im Alter von 45 Jahren gestorben. Laut seinem Management starb er am Donnerstag an einem Hirninfarkt.

Er hat viel gearbeitet und zum Ausgleich viel Yoga gemacht, einen Sohn bekommen, sich später von der Mutter getrennt. Danach wurde es ruhiger um ihn, seine Perspektive etwas lebensklüger, der Erfolg hatte seinen Zenit überschritten, das spürte auch er, die wilden Jahre waren vorbei. 2014 erschien Was immer auch kommt, darauf der Song Wenn es morgen schon zu Ende wär'. Der Sound poptimistisch, fröhlich dahinplätschernd, ein typischer Autoradiosong. Und doch singt da ein Mann, der miterlebt hat, wie sein Vater mit 57 an einem Schlaganfall starb, der eine Ahnung davon hat, wie flüchtig das Dasein ist. In einem Interview sagte er damals: "Es kann sehr schnell zu Ende gehen. Ich glaube, es braucht solche radikalen Gedanken, um sich dessen bewusst zu werden. Ich jedenfalls brauche sie, um mich komplett auf das Leben einzulassen und mir jeden Tag zu sagen: 'Nein, nicht warten, jetzt machen!'"

Im Herbst 2015 musste Roger Cicero wegen einer verschleppten Virusinfektion eine Pause einlegen. Am 24. März ist er im Alter von 45 Jahren an einem Hirnschlag gestorben.