Die Rolling Stones auf ihrer America-Latina-Olé-Tour, hier in São Paulo © Nelson Almeida/AFP/Getty Images

Hat man eine Frage zur Musik, geht man zu Gereon Klug. Unser Autor kennt jedes Album, jede Band, weiß alles über die Songs und vor allem: Er war dabei, als Musikhistorie geschrieben wurde. Jedes Mal. Rätselhaft, aber wahr. In seiner Kolumne "Klug weiß es" offenbart er die großen Geheimnisse der Popgeschichte.


Mick Jagger ist maulig. Diesmal nicht wegen Keith Richards, sondern wegen Obama. Man könne doch gemeinsam performen, lässt der mächtigste Mann der Welt über seinen Presidential Modern Entertainment Campaign Manager ausrichten. In Kuba. Auf dem riesigen Sportfeld der Ciudad Deportiva in der Hauptstadt Havanna geben die Stones ihr erstes Konzert in diesem lange isolierten Land. Er sei zufällig zu selben Zeit dort, Mitte/Ende März.

"Fuck! Wir haben das sechs Monate geplant mit dem Konzert! Und jetzt kommt dieser Nassauer daher und will nochmal ein paar hippe Credits abgreifen, indem er bei uns mitspielt. Ausgerechnet auf Kuba!" Jagger nimmt einen tiefen Schluck aus der innen goldbedampften Edelmineralwasserflasche und regt sich im Stile eines Arbeiterkämpfers auf. "Da könnten wir nochmal richtig richtig werden! Das hat noch keiner geschafft: Für umme vor 200.000 Sozialisten spielen! Das bringt uns wieder auf die Landkarte der wichtigen Bands! Das teil' ich doch nicht mit dem ersten schwarzen Präsidenten, der hat doch genug Gratiscredibility!

Gereon Klug arbeitet als Tourmanager (Studio Braun, Rocko Schamoni), Autor (von u. a. dem Deichkind-Hit "Leider geil)" und Erfinder (des ersten essbaren Kochbuchs der Welt). Er betrieb acht Jahre in Göttingen einen Plattenladen und gründete 2007 die Hanseplatte in Hamburg. Seine Newsletter für dieses auf Hamburger Musik spezialisierte Geschäft erschienen als Buch im Verlag Haffmans & Tolkemitt: "Low Fidelity – Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream". © Benjakon

Der Rest der Gruppe döst derweil gelassen weiter im Loungebereich hinter der Bühne. Sie sind irgendwo in Lateinamerika auf ihrer America-Latina-Olé-Tour. Der Live-Tour zur Exhibitionism-Ausstellung mit 550 raren original Rolling-Stones-Devotionalien, delivered by DHL. War das grad Chile oder Sao Paulo? Mexiko? Egal, Hauptsache backstage sind die Organspendeausweise zusammen und leicht zugänglich.

"Sorry, Barackman"

Sie wissen es ja alle in der Band seit 54 Jahren: Good ole Mick hat einen hohen Blutdruck und eine kurze Zündschnur. Er bekam nie genug Befriedigung. Aber in der Sache hat er auch irgendwie recht. Ron Wood nickt mit dem Kopf. Selbst Keith glaubt im eigenen Resthirn eine theoretische Zustimmung zu des Sängers Meinung zu erkennen.

Was kann man machen? Obama sagen, nö, deine black music passt nicht so zu den Stones, lass mal? Scheidet bei einer Band, die ihre frühe DNA aus Rhythm 'n' Blues zusammenklaubte, wohl aus. Oder: Nein, sorry, Barackman, wir haben in Havanna ausnahmsweise keine Gäste geplant? Just Stones, pure false and clean dirty. Wirkt auch nicht gerade überzeugend oder vaterlandstreu.

"Aber wir sind doch eigentlich aus London, oder?" Zum ersten Mal seit beinahe 30 Jahren fällt Keith Richards auf, dass sie Engländer sind und keine Amerikaner. Charlie Watts lacht sein berühmtes synkopiertes Stones-Lachen, die Zunge nie zusammen mit der Snare schnalzend. Die Stimmung ist merkwürdig wirr. So viele Gedanken hat man sich seit der Telekom-Werbung mit Paint it black nicht mehr gemacht. Verdammte Hitze auch hier in Uruguay oder Buenos Aires. "Was will er denn spielen, der Obama?" fragt Wood plötzlich. Seine Stimme ist getränkt von Millionen Jack Daniels und ewiger zweiter Gitarre. Alle überlegen so angestrengt, dass ihre Gesichter ganz runzelig werden. Ihnen geht auf, dass Clinton der Typ mit dem Saxofon war, aber Obama, der spielt doch gar kein Instrument! Sondern? Der tanzt doch gern. Und singt dann mit. Singt

Jüngste Band seit dem Buena Vista Social Club

Sofort dreht Mick wieder im roten Bereich und zeigt seine berühmte Zunge: "Ich singe, ich alleine! Ich bin der Sänger der Stones! Ich bin fit wie ein 6o-Jähriger! Fidel wie Castro! Ich will das allein machen! Wir spielen seit 38 Jahren erstmals wieder in einem Land, in dem der Staatspräsident älter ist als wir. Das ist Rekord!"

Rekord wird das Konzert eh, deshalb hat man es ja auch angesetzt: Erste westliche Gruppe in Kuba seit dem Sozialismus. Größtes Konzert for free der Stones ever. Jüngste Gruppe in Havanna seit dem Ende des Buena Vista Social Clubs. Und so weiter. Und nun also die feindliche Übernahme durch einen Mann, der in seiner Amtszeit auch nicht dicker wurde. Wie die Stones selbst. Also nein, muss nicht sein, muss überhaupt gar nicht sein. Wieder sinnieren die Vier vor sich hin. Die Stille erscheint seniorig, aber man darf eine Band wie die Stones nie unterschätzen.  

"Ich hab's!" Der Maximo Leader der Glimmer Twins quakt auf. "Wir ändern unsere Kubapläne ein bisschen um. Aus Solidarität mit den Idealen der Revolution!" Jagger kommt salonbolschewistisch wieder in Fahrt: "Was ist Pünktlichkeit? Ich sag's euch: Pünktlichkeit ist Kapitalismus! Survival of the fittest, just in time, time is money! Termine einhalten ist Sympathie für den Teufel!" Fragend schauen Wood, Watts und Richards ihren jumpin' Mick an. Was der wohl wieder meint? Also genau meint. "Wir spielen unser Konzert nach Obamas Besuch! Aufschieben ist sozial! Veränderung ist Fortschritt, seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche. Die Uhr macht unfrei. Ich ruf den Castro an. Wir verlegen das einfach um vier Tage!" Eine revolutionär einfache Idee. So simpel wie alle guten Ideen. Backstage gönnen sich nun alle erleichtert eine Zigarre. Wahrscheinlich auch aus Kuba. Dem Land, where the Beatles played not first. Nun liegen die Stones wieder vorn im ewigen Spiel gegen die Frisurköppe aus Liverpool.

Keith, der gerade die amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen im Fernsehen verfolgt, kommt noch eine weitere Idee: "Jungs! Wenn der Trump gewinnt, sind wir die ersten, die in Nordkorea spielen werden!" Dann lacht er wie eine Hyäne mit Mundgeruch.