Kanye Wests größter Albtraum ist wahr geworden: Die Menschen haben ihn vergessen. Als Beyoncé am Samstag das Album Lemonade und ein zugehöriges, beinahe abendfüllendes Video herausbrachte, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Internets einmal nicht auf West, sondern auf dessen besten Freund und ewigen Rivalen Jay Z. Vor der Veröffentlichung von Lemonade galt Beyoncés Ehemann als unangreifbarer Rap-Tycoon. Dann erwies sich das sechste Soloalbum seiner Frau als wutentbrannte, eindeutig adressierte Wortmeldung zum Thema Ehebruch – und die halbe Welt fragte sich, wie Jay Z nach dieser öffentlichen Demontage jemals wieder auf die Beine kommen soll.

Beyoncé ist zurück und mit ihr ein Baseballschläger. Gleich zu Beginn des Lemonade-Films verwüstet sie damit einen ganzen Straßenzug irgendwo im gleißend heißen Süden der USA. Die verbliebenen Autowracks plättet sie anschließend mit einem Monstertruck. Nach zwei Alben, auf denen die Texanerin vornehmlich über harmonische Partnerschaft und daraus geschöpfte Superkräfte sang, geht es diesmal um die Zerstörung ihres scheinbaren Eheidylls. Man könnte sagen: Beyoncé befindet sich auf einer Mission. Es wäre die Untertreibung des Jahrzehnts.

Kein Weg führt daran vorbei, ihre Texte auf Lemonade zunächst einmal autobiografisch zu lesen. Es wimmelt vor Anspielungen auf Jay Z und seine außerehelichen Affären: hier ein beiläufig eingestreuter Spitzname, dort ein Drink aus dem Sortiment seiner eigenen Cognacmarke. Auch ohne diese Hilfestellungen fiele es jedoch schwer, die Wut, mit der Lemonade über den Hörer hereinbricht, für einen künstlerischen Kniff zu halten. Dieses Mal geht es um die ganz hohen Einsätze.

Wut in Musik

Dabei ist Wut kein neues Gefühl in Beyoncés Schaffen. Schon aus der heilen Welt ihres letzten Albums stach der Song Jealous als Ansammlung unerfüllter Versprechen und Drohungen heraus. Zweieinhalb Jahre später folgen den Worten auch Taten: Besonders in der ersten Hälfte von Lemonade findet Beyoncé turbulente musikalische Umsetzungen für ihren Aufruhr. Eine zerbeulte Version von Trap-Rap verweist auf die Südstaatenherkunft der Künstlerin, ein Sample von Led Zeppelin landet im Fleischwolf. Wäre ihr die Rapperin Azealia Banks nicht zuvorgekommen, Beyoncé hätte das Album eigentlich Slay-Z nennen müssen.

Azealia Banks ist auch federführend an einer Debatte beteiligt, die in den sozialen Netzwerken tobt, seit die sogenannte Black Music durch Künstler wie Kendrick Lamar, Vince Staples oder sie selbst zu neuem politischen Sendungsbewusstsein gefunden hat. Immer wieder weist Banks darauf hin, dass es vor allem weiße mittelständische Kulturkritiker seien, die sich an ihrem vermeintlich zickigen Auftreten und ihrer angeblich zu kurzen Zündschnur störten. Was wissen diese Kritiker über ihre Lebenswelt? Wie sollen sie ihren Zorn und ihre Kampfbereitschaft nachvollziehen, wenn sie selbst niemals zornig und kampfbereit sein mussten?

Die Rezeption von Lemonade streift ähnliche Fragen, denn natürlich steckt große Symbolkraft in Beyoncés öffentlich ausgebreiteter Ehekrise. Der begleitende Film beschwört diese Symbolkraft selbst: Männer sind weitgehend abwesend, stattdessen zeigt er Gruppen schwarzer Frauen, vereint im gemeinsamen Feiern, Tanzen und Trauern. Ein Ausschnitt aus einer Rede von Malcom X erklingt: "The most disrespected person in America is the black woman", heißt es darin. Die Mütter von Trayvon Martin, Eric Garner und Michael Brown halten Fotos ihrer verstorbenen Söhne in die Kamera. Sie wurden Opfer willkürlicher und maßloser Gewalt gegen Afroamerikaner in den USA.

Im Guardian schreibt die Autorin Ijeoma Oluo, Lemonade handle von der Liebe schwarzer Frauen – "einer Liebe, die uns umzubringen droht, uns verrückt macht vor Sorge und stärker werden lässt, als es jemals nötig sein sollte". Beyoncé verklärt diese bedingungslose Liebe nicht, sie besingt auch ihre dunkle Seite: das Aushalten vergifteter Beziehungen, rasende Eifersucht und daraus resultierende Schuldgefühle. In Daddy Lessons zeigt ein Verweis auf die Eheprobleme ihrer Eltern, wie solche Verhaltensmuster unter Afroamerikanerinnen von Generation zu Generation vererbt werden.