Eine berühmte Ballade erzählt die Geschichte eines Jungen, der ohne Vater, aber mit einem Mädchennamen aufwachsen muss. Sein ganzes Leben lang sucht er voller Wut den Vater, der ihn einst auf den Namen Sue taufte, für den er stets gehänselt wird. Als er ihn endlich aufgespürt hat und – den Colt schussbereit in der Hand – Rache nehmen will, hat der Vater nur eine Bitte: Bevor du mich erschießt, sagt er dem Sohn, lass mich erklären, warum ich dir den Namen gab. Ich wusste, dass ich ein schlechter Vater sein und nicht da sein würde. Nun sieh dich an: Der Name hat dich zu dem Mann gemacht, der du heute bist.

A Boy Named Sue stammt nicht von Prince, sondern von einem, der musikalisch maximal entfernt von ihm stand: von dem weißen Countrysänger Johnny Cash. Und doch könnte sein Westernsong mit der pädagogisch höchst fragwürdigen Pointe einem der größten Stars afroamerikanischer Popmusik auf den Leib geschrieben sein. Der Junge, der 1958 auf den Namen Prince Rogers Nelson getauft wurde, kam aus Verhältnissen, die von den am Leitbild der bürgerlichen Kleinfamilie orientierten weißen Mittelschichten als broken family diskriminiert wurden. Geboren in Minneapolis, Minnesota, einem Ort, von dem mache Einwohner heute sagen, er verdanke es Prince, dass man überhaupt von ihm Kenntnis habe. Als Kind zweier Jazzmusiker wuchs Prince hier zeitweise ohne Vater auf und wurde für seinen absonderlichen Vornamen Zeit seiner Jugend ebenso gehänselt wie für seine unterdurchschnittliche Körpergröße.

Den Antrieb seiner exzeptionellen Karriere im Musikgeschäft hat man daher oftmals in dieser Kindheitsgeschichte gesucht. Sein Biograf Matthew Carcieri schrieb Prince etwa ein short man syndrome zu, das die eigentliche Motivation gewesen sei: der Wille zum Superstar als verzweifeltes Streben nach Größe. Was immer man von derart psychologisierenden Deutungen hält, seinen überragenden Status wird dem aus kleinen Verhältnissen stammenden Musiker niemand absprechen wollen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den Achtzigern konnte er dem King of Pop, dem gleichaltrigen Michael Jackson, durchaus das Wasser reichen. Purple Rain begründete 1984 seinen Weltruhm, ebnete eine Karriere als solitärer Musikunternehmer – und ist neben einigen wenigen Hitsingles wie dem Falsettgesang Kiss oder dem schwülen Cream auch wohl der einzige wirklich jedem bekannte Hit geblieben.

Klanglich extrabreite Schulterpolster

Das Debütalbum For You war 1978 in einer Epoche erschienen, die Soul und Glam Rock verabschiedete, den Punk begrüßte und sich auf Pop als Mainstream einigte. Will man Prince' disparates Werk auf einen Nenner bringen, dann ist es vor allem dem Funk verpflichtet, jenem nervösen zischelnden Soundgewitter, das in den Siebzigern durch den Crack angetrieben wurde, von Prince aber in einer musikalisch sehr cleanen Popvariante in die Achtziger verlängert wurde. Mit Musiker ist seine Rolle dabei nur unzureichend bezeichnet. Zwar spielte der Multiinstrumentalist im Studio neben seiner ikonischen gelben Gitarre auch ein Dutzend anderer Instrumente selbst, doch war er gleichzeitig Arrangeur, Produzent und einfallsreicher Schrauber an den Studioreglern. Als einer der Ersten verpasste er seinen Songs die für die Eighties typischen extrabreiten Schulterpolster aus flächigen Synthie-Vibes und Drumcomputer-Beats. Die spätere Hinwendung zum Akustischen, gar zu einem Unplugged-Album, ließ die Karriere allerdings über weite Strecken als Decrescendo erklingen, das ihm erfolglose Songs und halbleere Konzertarenen bescherte.

Letzteres muss den berüchtigten Performer besonders getroffen haben, denn neben der Musik stand bei ihm fast gleichberechtigt die Bühnenshow. Seine Verwandlungen vom Motorrad-Outlaw auf (natürlich: lila) glänzender Chopper bis hin zum orientalisierten Flaschengeist betrieben ein androgynes Spiel mit archaischen Rollenangeboten. Das Party-Animal war dabei keineswegs eine bloße Rolle. Zum Prince-Konzert gehörte stets die Aftershow in einem lokalen Club, deren sorgsam geheim gehaltene Wahl die Gerüchteküchen des Nachtlebens befeuerte.