© Apple Music

Chance The Rapper: "Coloring Book" (Apple Music)

Fans teilen das Werk von Kanye West – ähnlich wie Louis Althusser das mit Marx tut – in ein deutlich abgetrenntes Früh- und Spätwerk, mit dem Tod seiner Mutter Donda als Trennstrich. Der alte Kanye West feiert den Gospel seiner Heimatstadt Chicago und versteckt hinter dem Kommerz-Bravado eine fast kindliche Verletztheit. Er wird immer noch schmerzlich vermisst, aber der junge Chance the Rapper, ebenfalls aus Chicago, führt diesen Weg weiter. Chances Durchbruchsmixtape Acid Rap begann mit einem grandiosen Intro über ausgemustertem Kanye-Beat, West hatte ihn dann als Gast zu Ultralight Beam eingeladen. Chance ist heute 23, nicht altklug, sondern immer noch kindisch, aber trotzdem reflektiert. In fast herzzerreißend positiven Tracks auf Acid Rap rappte (und sang) er über seine Liebe für Kinderhörspiele, dass es ihn traurig mache, wenn seine Oma ihn wegen des Weedgeruchs nicht umarmen möchte, und wie sehr er tote Freunde vermisst, die in einem weiteren Chicagoer Mordsommer erschossen werden.

Drei Jahre später hören wir nun die Fortsetzung Coloring Book, ebenfalls wieder nur digital erschienen. Inzwischen ist Chance glücklicher Vater und ein Rapstar. Zusammen mit seiner Tochter scheint er eine zweite Kindheit zu erleben. Vor allem hat er zum Glauben (zurück)gefunden. Die Gospelharmonien, oft von Chance selbst gesungen, und die Chöre stehen nicht einfach stellvertretend für Gemeinschaft und Hoffnung, sondern drücken einen ganz konkreten Glauben an Gott aus. Das irritiert manche Rap-Fans – der Musikkritiker Andrew Noz fühlte sich sogar an die Enthüllung der peinlichen Clown-Rapper ICP erinnert, die ganze Zeit nur Musik für Jesus gemacht zu haben. Tatsächlich gibt Chance damit an, Jesus so gut zu lobpreisen, dass der einen Tag früher wiederkommt. Aber das ist natürlich gleichzeitig eine gute Punchline. Das macht den Unterschied aus – und zeigt, dass Chance bei aller Hinwendung zu Gott ein Humanist geblieben ist.



© Matador Records

Car Seat Headrest: Teens of Denial (Matador Records)

Auch Will Toledo, Kopf der Indieband Car Seat Headrest, ist erst 23. Der Bandname evoziert kindliche Schlummerfahrten auf der Rückbank, ihr Quasi-Studiodebüt Teens of Denial bezeichnet Jugendliche, die nicht wahrhaben wollen, dass sie immer noch (oder nicht mehr) Jugendliche sind. Überhaupt ist die Band um Will Toledo aus dem kleinen Leesburg in Virginia eine tolle Teenagerband, so wie die Modern Lovers eine waren.

Der Songwriter Jonathan Richman ist nur einer der vielen Bezugspunkte für Toledo, der alles zu kennen scheint, was es zumindest an weißer Gitarrenmusik so gibt. Er hat nicht nur viel gehört, auch selbst viel aufgenommen: Nach zwölf ganzen Alben auf Bandcamp und einer Art neueingespieltem Best of ist Teens of Denial das erste professionell im Studio eingespielte Album. Die neuen Freiheiten tun der Band gut – Schlafzimmerenge passt nicht zu ihr, diese Musik über große Langeweile muss auch groß gespielt werden.

Die eigene Zügellosigkeit – sechs bis elfminütige Songs über Sinatra und die Costa Concordia – werden der Band auf Dauer zum Verhängnis. Aber immer dann, wenn Skepsis und Momenterfahrung zusammenkommen, wenn Toledos Talent für hingerotzte Hymnen und trockenen Kleinstadthumor in ein 3:30-Format gepresst werden, dann machen sie große amerikanische Popmusik, zeitlos auf den Sonnenaufgang wartend.



© Sacred Bones Records

Marissa Nadler: Strangers (Sacred Bones Records)

Zwölf Alben, so viele hat (EPs mitgerechnet) Marissa Nadler ebenfalls. Die Musikerin hat, so sagen Beobachter, stets den Moment verpasst: Mit ihrem schattenreichen Dreampop kam sie zu spät, um Mazzy Star abzulösen; für Freak Folk war sie immer zu sehr Emily Dickinson, trotzdem fehlte es ihren ballads an murder, um die Fans der Black-Metal-Künstler zu packen, mit denen sie manchmal zusammenarbeitet. Ihr letztes Album July (aufgenommen mit Randall Dunn, der eigentlich mit Drone-Metallern wie Boris und Sunn O))) arbeitet) war dann trotzdem der große kleine Wurf: ein intimes Meisterwerk über Trennung, Versöhnung und Neuanfang. Strangers ist also eine Art zweites zweites Album. Trotz Heirat und großer Liebe – es ist kein Album über Haussegen und Heimeligkeit, es sei denn, man wohnt im Hause Usher von Edgar Allan Poe.

Der Song All the Colours of the Dark beschreibt auch die emotionale Palette des Albums. Merkwürdig sehnsüchtige Besingungen der kommenden Apokalypse lösen sich ab mit Geistergeschichten und nächtlichen Selbsterkundungen. Aber gruselig ist nicht die Nacht, sondern das Versprechen, das eigene Leben mit einem Fremden zu teilen, bis er oder sie irgendwann nicht mehr fremd ist.



© Rough Trade

Pantha du Prince: The Triad (Rough Trade)

Romantik und die Natur sind die Quellen, aus denen sich die Musik von Pantha du Prince (Hendrik Weber) speist. Aus Field Recordings in den Schweizer Bergen und Glockenklängen hat er vor sechs Jahren sein Technomeisterwerk Black Noise gebastelt, das nicht für den Dancefloor, sondern fürs introspektive Hören im Sessel gedacht ist, vielleicht beim Chamisso-Lesen. Aber deutsche Romantik ist eine widerliche Angelegenheit, und wer in den Wald gegangen ist, muss auch einmal aus ihm herauskommen.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, sind die Stücke des Albums The Triad nicht einfach nur mit Gastkünstlern, sondern in unterschiedlichen Dreiergruppen, also Triaden, aufgenommen. Das bringt ein Element der Improvisation, also auch der Unberechenbarkeit, in die immer noch gläserne und ziselierte Musik von Weber. Zusammen mit spärlich eingesetzten Vocals von Weber selbst schafft das fast eine Art von Menschlichkeit. Die vermeintliche Euphorie ist aber immer noch eine sehr verhaltene – im Gebirge können laute Töne schließlich Lawinen auslösen.